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Die aktuellsten Hundertergeschichten jede Woche neu in der 

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Gesammelte Hundertergeschichten

Wachsende Schweden

Im dreizehnten Jahrhundert waren die Schweden erst einen Meter gross und in ganz Europa unbeliebt. Sie machten mit ihren Schlauchbooten die Küsten unsicher und pöbelten in Hafenkneipen und Strandlokalen, dass es eine Art hatte. Sie hinterliessen offene Rechnungen, beschädigtes Mobiliar und allgemeine Verzweiflung. Ganze Landstriche verödeten, weil sich die Küstenbewohner landeinwärts verschoben, um endlich wieder Ruhe zu haben. So geriet das Strandleben während vieler Jahrhunderte völlig in Vergessenheit, und Europa vergass die Schweden, bis sie eines Tages zwei Meter gross waren und um Aufnahme in die EU nachsuchten. Man liess sie herein, und seither sind sie noch einmal kräftig gewachsen.

WOZ vom 03.07.2008

 

Kaputte Eidechsen
Walter Herrgott sass in seinem Büro und schraubte zwei Eidechsen anein­ander. Die Tiere machten dabei ein herzzerreissendes Geräusch. Es war furchtbar. Herrgott nahm den Locher und stanzte die Gehirne der Reptilien heraus. Danach war zwar Ruhe, aber das Werk war verpfuscht. Herrgott schmiss es aus dem Fenster. Sein Chef kam herein und schoss zweimal auf ihn. Walter Herrgott rettete sich hinter den Aktenschrank, wo er bis zur Mittagspause blieb und über das Verhältnis der Spanier zur Obrigkeit nachdachte. In der Mittagspause fuhr Herrgott exakt zwölf Kilometer Tram. Danach konnte ihm niemand mehr etwas, und der Tag verlief zufriedenstellend. Herrgott lachte.

WOZ vom 10.07.2008

Bis die Blätter fallen
Auf einer Teeplantage im fernen China sassen drei Affen unter einem Baum und dachten nicht daran, sich in den Arbeitsprozess einzugliedern. Stattdessen lagen sie im Schatten und sinnierten, ob sich die genetische Verwandtschaft zum Menschen nicht dahingehend ausnutzen liesse, Aktiendepots und Vorsorgepläne einzuklagen. Bevor aber ein Businessplan erstellt war, kam der erboste Plantagenaufseher und scheuchte sie zurück auf ihren Baum. "Wer nicht arbeitet", schrie er, "der soll auch nicht im Schatten liegen. Genauso wenig wie umgekehrt!" Dar­über lachten die Affen, die bei der Hongkongbank ein Depot mit Tee­optionen der Konkurrenz eröffnet hatten, so heftig, dass der Baum die Blätter verlor.

WOZ vom 17.07.2008

Rohe Cervelats am Waldrand
Im Wald sehen die meisten Menschen ziemlich klein aus. Das liegt vor allem am Grün der Bäume und am Blau des Himmels. Diese Farbkombination verursacht eine optische Täuschung, die Spaziergänger höchstens zehn Zentimeter gross erscheinen lässt. Deshalb kleiden sie sich gerne in schreiende Farben, weil sie fürchten, es komme auf einmal ein grosser Fuss und vertrampe sie. Kaum erreichen sie den Waldesrand, merken sie, dass sie wieder einmal einer Illusion aufgesessen sind, und erleichtert packen sie die Würste aus. Trotzdem wagt sich niemand zurück in den Wald. So fehlt das Holz für das Feuer, und darum isst man Cervelats roh.

WOZ vom 07.08.2008

Verrusstes Karma
Heinrich Gutschlaf stand morgens um halb zehn auf und wunderte sich, dass es schon hell war. Dabei war das gar nichts Ungewöhnliches um diese Jahreszeit. Davon hatte einer wie Gutschlaf, der seine Tage damit zubrachte, den Regenwürmern Wasser zu predigen, natürlich keine Ahnung. Er selber hielt sich zwar für einen grossen spirituellen Erneuerer, seine Nachbarn hingegen hielten ihn für einen Abgeordneten des Mittelstandes. So kamen immer wieder Handwerker und Angestellte zu Gutschlaf und klagten ihm ihre Sorgen. Davon bekam er Kopfschmerzen und derart schlechte Laune, dass er eine Handvoll Regenwürmer frass. Danach war sein Karma wieder für Wochen vollkommen verrusst.

WOZ vom 14.08.2008

Familie Wacholder
Drei Generatione Knechtschaft hatten die Familie Wacholder griesgrämig werden lassen. Der Vater schlug die Kinder, die Mutter schlief mit jedem Trottel, wie bei der Unterschicht so üblich. Sie gewannen jedoch eine Kreuzfahrt für die ganze Familie. Dabei fielen drei ihrer Blagen ins Wasser und wurden von einem Kraken gefressen. Sie bekamen drei Millionen Euro Abfindung und einen hellblauen Porsche Carrera. Seither geht es ihnen viel besser: Der Vater spielt Golf, die Mutter engagiert sich im sozialen Bereich, und die Restblagen studieren Philosophie. Die Wacholders gehören zur Elite und benehmen sich anständig, was nichts beweist, aber immerhin zu denken geben könnte.

WOZ vom 21.08.2008

Hawaii-Triathlon
Wer rennt, kommt zwar schnell vorwärts, jedoch selten irgendwohin. Deshalb wird das Rennen oft als Therapie gegen Rastlosigkeit verschrieben. Es sind ja diejenigen, die schon weit gekommen sind, die es dort, wo sie sind, am wenigsten aushalten. Wenn sie jetzt einfach alle losrennen würden, ins Wasser springen oder aufs Velo sitzen, sähe es auf der Welt bald aus wie an einem Triathlon. Da der Triathlon bekanntlich nach Hawaii führt, würde die Insel untergehen vor lauter Startnummern, und der Ozean würde überschwappen, dass den Küstengebieten Hören und Sehen verginge. Zum Glück kehren die meisten Rennenden früher oder später nach Hause zurück.

WOZ vom 28.08.2008

 

Launisch
In einer nicht genannt werden wollenden Stadt am Zürichsee lebte ein schlecht gelaunter Brandmanager. Er hatte genug Geld, trug einen modischen Faserbart und lebte mit seiner erfolgreichen Freundin mitten in einem ebenfalls nicht genannt werden wollenden Trendviertel. Man kannte ihn in den angesagten Clubs und Bars, er hatte ein Auto und ein Wakeboard, aber trotzdem immer schlechte Laune. Er versuchte es mit Alkohol, Drogen und ausgefallenen Sexpraktiken. Sie laugten ihn aus, besserten aber seine Laune nicht. Erst als er bei einem Low-Key-Event vom Kirchturm fiel, lachte er richtig herzlich. Beim zweiten Versuch brach er sich dann gut gelaunt das Genick.

WOZ vom 04.09.2008


Sonntagswahn
Der Sonntag ist der Wochentag, an dem die Menschen am leichtesten überstellig werden. Darum wurde versucht, mit Religion oder Ausschlafen die Leute ruhigzustellen. Auch die After-Hour-Party war ein Versuch, den Sonntagswahnsinn zu stoppen. Wie sich gezeigt hat, vergebens. Acht von zehn schlechten Witzen werden an Sonntagen ersonnen. Vier von acht missratenen Menüs werden an diesem Tag serviert. Selbst der grossangelegte Versuch, den Sonntag durch einen Fünftagerhythmus zu überlisten, ist an der Faulheit der Bauern gescheitert. Selbst Napoleon erlebte in der Sonntagsfrage eine der herbsten Niederlagen seiner Karriere. Kurz vor deren Beratung fiel er in den Rossbrunnen und wäre beinahe ersoffen.

WOZ vom 11.09.2008


Lehrer an der Notbremse
Tausend Lehrer machten einen Ausflug nach Basel, um sich über die neuesten Trends der Pädagogik zu informieren. Zweihundert verpassten den Zug, hundert blieben im Bahnhofbuffet hängen, dreissig flohen nach Frankreich und zwei heirateten. Die Restlehrerschaft stürmte die Messehalle und hamsterte Prospekte, bis alles leergefegt war. Sie wussten zwar immer noch nicht, wie man der stumpfen Jugend etwas Rechtes beibringen konnte, aber das war ihnen egal. Sie waren froh, bald wieder zu Hause zu sein. Im Zug aber erfasste den einen oder anderen eine heftige Bitterkeit, die sich bei Meierhans Peter aus Niederhasli im Ziehen der Notbremse entlud. Seither sitzt er.

WOZ vom 18.09.2008

Garnichts
Der Garnichts ging am Mittag ins Hallenbad, um sich zu stählen. Weil er aber nicht gern nass wurde, setzte er sich nur auf den Beckenrand und liess die Beine in der Chlorbrühe baumeln. Dadurch wurde sein käsiger Körper keinesfalls attraktiver, ganz im Gegenteil, die Füsse wurden vom verunreinigten Wasser krebsrot, und unser Garnichts lächelte den gut trainierten Amazonen in ihren schwarzen Einteilern zu. Diese rollten nur verächtlich die Augen unter ihren getönten Fischaugenbrillen. Der Garnichts aber glaubte weiterhin an seine Attraktivität, setzte sich in die Cafeteria und bekleckerte sich mit Bichermüsli. Dann ging er heim und schlief bis anno Tuback.
WOZ vom 25.09.2008

Kuhdreck
Im schönen Valsertal lebten drei Zwerge unter einem grossen Stein am Südhang. Von dort aus bewarfen sie die Kurgäste mit Kuhdreckbatzen. Diese bemerkten dies erst Stunden später, wenn die kleinen, runden Fladen beim Umziehen zu Boden fielen. Sie schrieben das der Entschlackung zu und freuten sich wie die Sonntagssänger, so viel Dreck und Ballast abgeworfen zu haben. Den Zwergen war das dann doch zu viel Verständnis, und so meldeten sie sich zur Feuerwehr, wo man sie wegen mangelnder Mindestgrösse abwies. Da zogen sie auf 2000 Meter Höhe und erfanden eine komplizierte Wurfmaschine, die ihnen viel Freude bereitete. Bis es Winter wurde.

WOZ vom 02.10.2008

Das schöne Geld
Am Abend des 8. Oktober sass der Bankdirektor Joe B. Ochsenknecht deprimiert in seiner Achtzigzimmerwohnung in den oberen zwölf Stöcken des Wealth-and-Power-Turms. Er hatte eben einhundertneunundsiebzigtausendvierhundertdreiundsechzigeinhalb Fantastilliarden Dollar verspekuliert. Natürlich nicht seine eigenen, aber trotzdem. Schade um das schöne Geld. Er nahm einen Schluck von dem Single-Malt-Whisky, der im Magen eines vergrabenen Hochlandrindes gealtert war, die Flasche à vierzig Millionen schottischer Euros. Er beäugte seine Frau, ein ehemaliges Topmodel, das immer noch auf der Liste der dreitausenddreihundert schönsten Frauen der Welt fungierte. Auf einmal hatte er vom Top-of-the-World-Leben dermassen die Schnauze voll, dass er sich in den Fuss schoss.

WOZ vom 09.10.2008

Wall Street

Der Kleinsparer Sepp Hangab ging auf die Sparkasse, um zu sehen, wie es denn seinem Anlagefonds ergangen sei während der üblen Finanzkrise, von welcher er nichts mitbekommen hatte. Er hatte im Bett gelegen und gehofft, dass der Sommer zurückkäme. Das war keine volkswirtschaftlich sinnvolle Tätigkeit, und darum wich sein Entsetzen, dass sich sein Erspartes in geschuldete Depotgebühren verwandelt hatte, bald einem nagenden Schuldbewusstsein. "Hätte ich doch das Heu ins Trockene gebracht, statt Trübsal geblasen", so dachte er, "dann hätte es die Wall Street allwäg noch zwanzig Minuten länger gegeben." Wie so mancher Kleinsparer hatte Sepp von der Weltwirtschaft keine Ahnung.

WOZ vom 16.10.2008

Amerikas Untergang

Amerika ruderte über den Ozean und wurde Zweiter. Darüber verbittert zog es sich während ein paar Jahrhunderten in unwirtliche Gefilde zurück. Vergessen von der Welt wuchs es zu einem Kontinent heran, der eines Tages nicht mehr übersehen werden konnte. Es vergingen keine zwölf Jahrhunderte, und schon war der Kontinent bevölkert, industrialisiert und Gastgeber der Olympischen Spiele. Das war natürlich zu viel für so eine zarte Landmasse, die unter der Dauerbelastung zusammenbrach. Das als Antwort auf die Katastrophe erstarkte Umweltbewusstsein kam leider zu spät. Heute erinnern nur die Indianer, die rechtzeitig nach Birmensdorf ausgewandert waren, an diesen einst so zukunftsträchtigen Landstrich.

WOZ vom 23.10.2008

Zugeschweizert

Nach drei Jahren in der Schweiz war der Geist von Claude Champs-de-Longdong vollkommen zugekleistert. Als feinsinniger Philosoph war er eingereist, jetzt aber dachte und frass er wie ein Bauer. Zwar war der Bauer in der Schweiz kultivierter als mancher Adjunkt in nicht näher bestimmten Nachbarländern, aber trotzdem. Statt über den Menschen nachzudenken, trank er Kräuterschnaps in Landkaschemmen. Sein Freund Herbert eilte ihm schliesslich aus dem Elsass zu Hilfe und lockte den verlausten Philosophen in den TGV. So erreichte Claude Champs-de-Longdong noch am selben Abend Paris. Dort kam er alsbald wieder zu Sinnen und ertrank vor lauter Rekonvaleszenz in der Seine.

WOZ vom 30.10.2008

 

Schmierfinken!

Wer Zug fährt, sollte nicht vergessen, dass er keinerlei Anrecht auf schöne Aussicht hat. Ganz im Gegenteil! Der Schaffner ist befugt, die Fenster zuzuschmieren oder einen so lange mit Fragen zum allgemeinen Transportwesen zu behelligen, bis man nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht. Da können draussen lauschige Bergbäche fliessen, so lange sie wollen. Nichts gibt es zu sehen, auch wegen der Tunnels nicht. Aber zum Glück ist alles meist ganz anders. Als es mir das letzte Mal passierte, dass es draussen auf der ganzen Fahrt regnete, stellte ich am Zielbahnhof fest, dass ich Zeitung gelesen hatte. Diese Schmierfinken!

WOZ vom 06.11.2008

 

Hochnebel

Als der neue Präsident gegen Mittag endlich aus den Federn kam, wurde ihm bewusst, auf was er sich da eingelassen hatte. Er war Chef von einem Land, das breiter war als lang, zu überproportionaler Selbstwahrnehmung neigte und von ganz vielen Menschen bewohnt wurde, die dick waren und einen Hang zu karierten Hemden hatten. Ausserdem war man unbeliebt und pleite. "Siehst du", sagte seine Frau, die schöner und gescheiter war als er, "das hast du jetzt von deinem grenzenlosen Optimismus." Der Präsident aber griff zur Kaffeetasse, freute sich, dass der Hochnebel im Gegensatz zur Zuversicht in seinem Land gänzlich unbekannt war.

WOZ vom 13.11.2008

 

Wohlfeile Zerstreuung

Weil der November so sonnig und warm war, kamen die Menschen auf dumme Gedanken. So versuchte der Nachbar des Dalai-Lakti die beschauliche Pagode des weisen Mannes in einen Tanztempel zu verwandeln. Er verteilte in den einschlägigen Lokalen - in denen sich ansehnliches, gut gewachsenes und selbstbewusstes Menschenmaterial zur gegenseitigen Wertschätzung zusammenrottete - kleine Zettel, auf denen er einschlägige Zerstreuung zu wohlfeilen Preisen in Aussicht stellte. Der Dalai-Hoschti bekam Wind von der Sache, denn er war Goldmember im Cancer Club. Zusammen mit dem Dalai-Dakar und dem Dalai-Wurpf organisierte er eine Gegenveranstaltung, die alles in den Schatten stellte und die den Nachbarn gehörig einnebelte.

WOZ vom 20.11.2008

 

Alles steht still
Wenn es in Aarau regnet, hält der Zug oft zwei Stunden lang, weil er weiss, dass es hier in diesem Leben für ihn nichts mehr zu gewinnen gibt. Die Passagiere raufen sich die Haare und randalieren im Speisewagen. Der Kondukteur flüchtet in die Kellerbar unter dem Bahnhofsbuffet. Doch vergebens. Der Zug bockt. Alles steht still. Bis es dann plötzlich und in einem Karacho via Olten nach Basel geht. Kein Mensch weiss, was den Sinneswandel bewirkt hat. Die Protestpassagiere purzeln durch die Gänge, die Laptops krachen von den Tischchen. Alle sind zufrieden, dass es weitergeht, denn niemand will zu spät kommen.

WOZ vom 04.12.2008

 

Fischerlatein

König Hellgrün war schlecht gelaunt. Man hatte ihm sein Reich aberkannt, und das noch vor dem Mittagessen. Natürlich, so könnte man argumentieren, gibt es Schlimmeres. Zum Beispiel gar nichts zu haben. Kein König zu sein. Zwölf Paar weisse Hosen zu besitzen, die alle fleckig sind. Keine Zeit zu haben. Aber weil Könige nicht bescheiden sind, regte sich Hochwohlgeboren Hellgrün ganz furchtbar auf. Erst seine reizende Gemahlin Margarete von Stosszahn brachte es gegen sechzehn Uhr fertig, den Tobenden zu beschwichtigen. "Auf die dreizehn Quadratmeter kommt es nun wirklich nicht an", gab sie zu bedenken. Da ging der König fischen und ertrank.

WOZ vom 11.12.2008

Unfug
Drei Monate später ist man immer schlauer. Das ist überhaupt kein Kunststück. Darum sollte niemand meinen, er wisse es besser, nur weil er vor sechs Monaten schon einmal einen kompletten Unfug verzapft hat und darum aus einer Szenebar geflogen ist. Das ist noch kein Ausweis. Ich selber rede aus Erfahrung: Noch vor siebzehn Wochen habe ich einen Unfug nach dem anderen erzählt und nicht weniger als vier Lokalverbote gesammelt. Ich war stolz. Heute hingegen predige ich in Kirchen ewige Wahrheiten und die Menschen fliehen in Scharen. Aber in drei Monaten bin ich weiter und werde eine Lehre als Veloknacker beginnen.

WOZ vom 18.12.2008

Vontobels Rache

Weil man ihn am Weihnachtsessen wieder zu den Unrasierten, den Langweiligen und Geschwätzigen gesetzt hatte, schwor der stellvertretende Abteilungsleiter Roger Vontobel bittere Rache. Er wartete, bis seine Vorgesetzten ordentlich besoffen waren und sich benahmen wie das letzte Bauernpack. Es war ein Leichtes, an ihre Hausschlüssel zu kommen, denn die Hosen wurden heruntergelassen, dass es eine Art hatte. Vontobel drang in vier Villen ein, erschreckte zwei Ehefrauen, beleidigte ein halbes Dutzend Hausangestellte, würgte eine Katze und schiffte in ein Hallenbad. Zurück an der Party, gab er sich umgänglich und half seinem indirekten Vorgesetzten ins Auto, was diesem erwartungsgemäss zum Verhängnis wurde.

WOZ vom 08.01.2009

 

Alpenguerilla

In der Bergwelt herrschte gutes Wetter und ein arges Gedränge. Das ganze mittelständische Saupack, das der Verarmung so hartnäckig und begeistert Widerstand leistete, invadierte die heile Bergwelt, die per Naturgesetz den Reichen und ihren Zuträgern vorbehalten war. Mit Massensturm und Guerillataktik brachen sie herein über die Kurorte Arosa, Davos und Sankt Moritz. Sie kamen in teuren Kleidern und mit Markenplunder beladen, dass den Reichen schlecht geworden wäre, hätten sie nicht die Aktien der hochprofitablen Luxuskonzerne gehalten. Die Medienzaren beschlossen, das trübe Pack im neuen Jahr in noch mehr Angst und Schrecken zu versetzen. So würden sie ihnen die Ruhestörung büssen.

WOZ vom 15.01.2009

 

Fischleim

Die grösste Gefahr beim Wintersport ist bekanntlich das Abfrieren der Zehennägel. Weil niemand gerne über diese hochnotpeinliche Verletzung redet, verdienen die Fuss- und Flossenchirurgen ein Vermögen damit, der Kundschaft immer abwegigere und kostspieligere Ersatznägel anzudrehen. Das Sortiment reicht von Oblatengold zu Karmesinkringeln, die mit Schraubzwingen an die verkühlten Zehen gequetscht werden, sodass die armen Patienten noch wochenlang hinken und nie mehr im Leben in die Sauna können. Nebst dem Schaden für die Wellnessindustrie ist das Ganze natürlich ein Riesenschwindel, denn das Problem liesse sich auch kostengünstig und schmerzfrei mit Fischleim, einer Drahtschere und einer gehörigen Portion falsch verstandenem Optimismus lösen.

WOZ vom 22.01.2009

 

Sinn und Verstand

Flughäfen sind nicht nur deshalb beliebte Reiseziele, weil man in ihren Gängen interessante Wanderungen unternehmen kann, ohne nass zu werden oder Proviant mitzuführen, sondern weil dort immer ein ordentlicher Krach herrscht und eine Menge Menschen ohne Sinn und Verstand durcheinanderrennen. Die Flugzeuge starten, aber landen schon hinter einem der nächsten Hügel, wo sie warten, bis sie wieder zurückkehren dürfen. Es gilt nur den Schein zu wahren, die AnwohnerInnen zu erschrecken und keinen Zweifel am Fortschritt aufkommen zu lassen. Denn heute fliegt ja niemand mehr, sei es aus Angst, Armut oder Umweltbewusstsein. Aber ohne Flughäfen kämen wir uns vor wie Bauern.

WOZ vom 29.01.2009

 

Plunder

Als allen das elende Gefeiere eines schönen Dienstags endlich verleidet war, stellten sie fest, dass es draussen nicht nur kalt, sondern auch unfreundlich war. Kein Wunder, es war ja Winter und jedes Jahr dasselbe. Man begutachtete den Krempel, der einem zugetragen worden war, und trennte Zweckloses von Abscheulichem. Das ging nicht ohne aufkeimende Ressentiments jenen gegenüber, die meinten, man habe eine Geschmacksverstauchung, zu viel Platz oder sei sonst wie ein simples Gemüt, das sich an solchem Plunder freuen würde. Man schwor sich, es im nächsten Jahr besser zu machen, tat es aber nicht und hatte es darum nicht anders verdient.

WOZ vom 05.02.2009

 

Kassandra Kummer

Die versierte Hochstaplerin Kassandra Kummer hatte der gutmütigen Eselzüchterin Gitta Grünzweig die Identität gestohlen und unter ihrem Namen eine Stelle als Chefsekretärin angenommen. Weil der Chef ständig auf Reisen war, lungerte Kassandra den ganzen Tag auf Facebook herum, freundete sich mit hundsdummen Kerlen an und gründete eine Hass predigende User Group nach der anderen. Bald war sie in handfeste Kontroversen und Flame Wars verwickelt. Ihre wachsende Gegnerschaft zog mit düsteren Absichten zum Hof der echten Grünzweig. Der Anführer der wenig Outdoor-tauglichen Netzgestalten wurde aber auf der Weide von einem Esel gebissen und fiel ins Güllenloch, worauf seine Gefolgschaft Reissaus nahm.

WOZ vom 12.02.2009

Nie mehr Pommschips
Kevin Schaufelberger war einer von denen, die Pommschips sagten statt Pommtschips, und seine Frau Tanja hasste ihn dafür. Natürlich nicht nur dafür, aber das ging ihr besonders auf die Nerven, vor allem weil ihr Mann immer öfter nach Pommschips rief und sie vor dem Fernseher in sich hineinstopfte und mit Dosenbier hinunterspülte und dann beim Essen keinen Appetit hatte und laut rülpste. Im Bett lief natürlich auch nichts mehr, ausser wenn er mal so richtig blau war. Sie nahm sich darum einen Liebhaber, der Pommes-Chips weder aussprach noch auffrass, und verliess Kevin, der es natürlich nicht fassen konnte. Wie auch?

WOZ vom 19.02.2009

 

Affentheater

Zum seinem vierzigsten Geburtstag lud der Schimpansenkönig Adalbert zwölf verfeindete Sippen ein, die zuerst alles zusammenfrassen, dann ausfällig wurden und schliesslich den halben Wald verwüsteten. Dem Affenkönig erwuchs dadurch ein beträchtlicher Schaden, denn seine eigene Sippe hatte ihn davor gewarnt, so ein Pack einzuladen. Weil er ihren gemeinsamen Lebensraum aufs Spiel gesetzt hatte, erreichte seine Popularität Tiefstwerte, und schon sägten die ambitionierten Jungtiere an seinem Ast. Adalbert hätte seinen Einundvierzigsten wohl im Tal der verlausten Primaten feiern müssen, hätte er nicht im richtigen Moment den rettenden Gedanken gehabt, seine Sippe in den Adelsstand zu erheben und das Freibier zu erfinden.

WOZ vom 26.02.2009

 

Luftrumpeln

In einer grossen Tanzbaracke in der Nähe des Konterwaldes herrschte Hochbetrieb. Neben den üblichen sechsundachtzig Stammpaaren drängten sich beinahe tausend EinzelgängerInnen, Auswärtige und Paarungswillige in dem Schuppen. Als der Kapellmeister Trumbum dann den grössten Hit spielen liess, gab es kein Halten mehr, und das ganze Gehütt erhitzte sich derart, dass es sich, von den Feiernden unbemerkt, neunzig Meter in die Luft erhob. Erst als es mit einem lauten Rumpeln zurück auf die Erde krachte, fühlte die eine oder der andere eine leichte Erschütterung. Trotzdem konnte sich am nächsten Tag niemand erklären, wie seine Knochen in diese ungewohnte Reihenfolge gekommen waren.

WOZ vom 05.03.2009

Kotzkowitz & Pasachow

Der Russe Kotzkowitz stand morgens um sechs Uhr auf und ass eine Tafel Butter. Davon wurde ihm gehörig schlecht, sodass er den Rest des Tages eine hundsmiserable Laune spazieren führte. Wie so oft war es sein Nachbar Pasachow, der besonders darunter zu leiden hatte. Denn nicht nur, dass Kotzkowitz das Treppengeländer verbog, nein, er verstieg sich auch dazu, seinen Nachbarn zu duzen. Und das nicht weniger als dreissig Mal an einem einzigen gottverfluchten Montagmorgen. Da besann sich Pasachow eines alten Hausmittels und griff zur Bartschere, mit der er den aufsässigen Griesgram ins Sitzfleisch zwickte. Schon begann Kotzkowitz stillvergnügt zu singen.

WOZ vom 12.03.2009

 

Zorn auf Unausgeschlafenheit

Das Scheitern beim Ausüben an und für sich simpler Tätigkeiten konnte manchen in Rage versetzen, nicht aber Balthasar Zorn. Er stürzte mit Gelassenheit Treppen hinunter, knallte gegen Türpfosten, fiel von Fahrrädern und kochte Milch zu Klumpen. Er blieb ruhig, wenn ihm andere Leute die Hosen zerdampften, die Meinung zertraten oder das Schienbein ansengten. Was er aber nicht ertrug, war Unausgeschlafenheit. Wenn er jemanden in Verdacht hatte, den Schlaf nicht gebührend zu würdigen, verfolgte er ihn mit unerbittlicher Aufsässigkeit. Seine nachhaltige Methode, die Streber einzuschläfern, brachte ihn aber bald in den Ruch, ein Serienmörder zu sein, und er wurde postwendend hingerichtet.

WOZ vom 19.03.2009

 

Alarm im Kinderzoo

Charlie Waldvogel fuhr mit seinem alten Jaguar in den Kinderzoo in Rapperswil. Dort erkannten ihn einige Rhesusaffen und riefen die Polizei. Diese kam mit zwei Mannschaftswagen und fackelte nicht lange. Charly Waldvogel wurde quer durch den Tierpark geprügelt und konnte sich nur mit einem Sprung ins Luchsgehege retten. Verärgert über den verdufteten Verdächtigen gaben die Ordnungshüter einer Gruppe behinderter Delfinfans Saures, während sich Charly Waldvogel einen blutigen Todeskampf mit Billy und Jack Lux lieferte, bei dem er knapp obenaus schwang. Dermassen gebeutelt und gerupft schlich er sich zu seinem Jaguar zurück und fuhr wieder nach Zürich, wo er bald verstarb.

WOZ vom 26.03.2009

Wladimir "Lenin" Dubach

Wladimir "Lenin" Dubach erbte im Alter von achtundzwanzig Jahren dreissig Holsteiner Kühe, ein Rennvelo und zwölftausend schwedische Kronen. Weil Zählen nicht seine Stärke war, verlor er auf dem Heimtrieb zwei Drittel der Herde. Seine Wohnung war selbst für die Restviecher zu klein, so dass er sie für einen lächerlichen Betrag an einen Veganer verkaufte. Er fuhr mit dem Rennvelo nach Oslo, wo es ihm von zwei Fixern geklaut wurde. Für seine zwölftausend Schwedenkronen bekam er gerade mal drei Humpen Bier. Trotzdem blieb er, liess sich als Millionenerbe im Telefonbuch eintragen und war bald aus der Osloer Boheme nicht mehr wegzudenken.

WOZ vom 02.04.2009

 

Haubensacks Erfindung

Als es auf der Welt ausnahmsweise einmal still und heiter zuging, erfand Joe Haubensack das rote Fahrrad. Er fuhr dreimal durchs Dorf und verursachte Staunen, Schrecken und einen ausgewachsenen Sittenskandal. Beflügelt von diesem Erfolg radelte er zum Patentamt nach Bern, wo man ihm in einem komplizierten Verfahren nachwies, dass erstens ein Velo nicht rot sein konnte, dass zweitens rot keine Farbe sei und drittens ein solches Patent nur der Velofabrik Zwicky in Ostermundigen ausgestellt werden könne. Haubensack eilte nach Ostermundigen, bezirzte das Heidi Zwicky, fuhr mit ihr auf dem Gepäckträger in den nächsten Strassengraben und vertat seine Chance auf Ruhm.

WOZ vom 09.04.2009

 

Isländischer Frühling
Besser ein später Frühling als gar keiner, sagten sich die Bewohner Islands, die alles verloren hatten ausser ihrer Zuversicht. Seit der Besiedlung dieses Dampffelsens vor 1100 Jahren hatte niemand andere Jahreszeiten als Winter, Eiszeit, Nebelsaison und Börsengewitter erlebt. Die ersten drei konnte man mit gutem Schuhwerk, einer Seehundpelerine und Schnaps relativ unbeschadet überstehen. Die vierte Jahreszeit war jedoch ungleich garstiger. Darum beschloss der wankelmütige Premierminister Geir Haarde, noch in diesem Jahr den Frühling einzuführen, damit auch auf Island endlich einmal etwas angepflanzt werden könnte. Danach würde man Mitglied der EU, und in spätestens zehn Jahren gäbe es Sommerferien für alle.

WOZ vom 16.04.2009


Notamputationen

Im Universitätsspital herrschte wieder einmal Hochbetrieb, weil frühlingshalber die Hausfrauen aus dem Fenster fielen, den Jungmännern schmerzhafte neue Gliedmassen sprossen und die Elite sich kollektiv den Daumen brach. Der vorausschauende Dr. Zinkweiss liess sich auch in diesem Jahr nicht ins Bockshorn jagen und sorgte dafür, dass der Betrieb nach neuesten Erkenntnissen aufrechterhalten wurde. Es galt, die Kosten im Auge zu behalten und möglichst viele Patienten als Simulanten zu entlarven, damit sie von der obligatorischen Krankenversicherung ausgeschlossen wurden. Mit Daumenschrauben und Notamputationen brachte Zinkweiss den Laden bis Pfingsten so weit in Schwung, dass man sich wieder ungestört der Spitzenmedizin widmen konnte.

WOZ vom 23.04.2009

 

Einzug ins Weisse Haus

Schreinermeister Obarack hatte sich ein weisses Haus gezimmert, das er aber nicht bewohnen durfte, weil er schwarz war. Das betrübte ihn dermassen, dass er Juristerei studierte und seine schöne Scheffin heiratete. Mit seinem Opel Senator fuhr er nach Chicago und wurde Vorsitzender. Weil er aber immer noch nicht vergessen hatte, wie übel man ihm seinerzeit mitgespielt hatte, strebte er nach Höherem und stürzte sich in den Wahlkampf. Er machte der Hexe Hilarious einen Strich durch die Rechnung und liess die Mutter aller Pitbulls alt aussehen. Dies berechtigte ihn zum Einzug ins weisseste aller Häuser, und die Welt freute sich vielfarbig.

WOZ vom 30.04.2009

 

Tschau Sepp

Sepp Unterwasser stand am Eingang des Gürbelblatttales und schüttelte die Faust. "Ihr himmeltraurigen abgeschranzten Dübelklauber! Kümmerliche, hintergantige Schlafkonstanzen! Bleigiesser! Hummerzargen! Kombatlöffel!"?"Tschau Sepp", grüsste ihn der auf einem Militärvelo daherkommende Gemeindeammann von Niedergürbel. "Hat man dich wieder übergangen beim Fähigkeitswettbewerb?" "Ihr haust doch alle unter demselben Miststock", grunzte Sepp Unterwasser, "und wenn es einem zu Talent gereicht, dann spritzt ihr Gülle! Aber der Unterwasser, das sei euch gesagt, der hat eines Tages Oberwasser. Meterbreit!" Sprachs und stapfte Richtung Zürich, wo er die VIP-Lounges zu dominieren gedachte. Aber schon in Adliswil kannte er sich nicht mehr aus und ersoff in der Sihl.

WOZ vom 07.05.2009

Stahlbergs Wagen

Wie man in verschiedenen Gratisblättern bereits lesen konnte, geht es abwärts mit der Weltwirtschaft. Niemand könnte das besser bestätigen als der Kleinwagenfahrer Stahlberg aus Hinwil. Nicht nur das Benzin ist ihm ausgegangen, auch die Versicherung versucht ständig, ihn anzupumpen, und der Kundenberater, der ihm den MobiKredit vermittelt hat, lebt unterdessen in seiner Garage. Es wird langsam ungemütlich, und Stahlberg würde sehr gerne verzweifeln, aber das kann er sich gar nicht mehr leisten. Also muss er damit vorliebnehmen, seinen Wagen mit der Post zur Arbeit zu schicken, um wenigstens so zu tun, als ob ihn der ganze Niedergang gar nicht kratzte.

WOZ vom 14.05.2009

 

Der Superschurke

Als eines Morgens alles anders war, freute sich Albert Gratwohl dermassen, dass er mit einem Morgenkaffee in der Hand die Treppe zum Vestibül hinunterpurzelte. Dabei verbrühte er sich die rechte Gesichtshälfte, so dass er aussah wie Harvey Dent im "Batman"-Film. Weil er dies für ein Zeichen hielt, beschloss Gratwohl, Superschurke zu werden. Er nähte sich ein Kostüm aus blauem Brokat und zimmerte sich einen Plan zur Weltbeherrschung. So gut ausgerüstet stürzte er nach draussen und überfiel als erstes den Käsehändler. Mit hundert Kilo Schabziger beladen flüchtete er nach Wollishofen, wo man ihn auslachte und ertränkte. So verpasste er die Zeitenwenden.

WOZ vom 20.05.2009

 

Pfingstbräuche

Das Hundeschiessen ist ein alter, aber heftig umstrittener Brauch. Seit den fünfziger Jahren kommt es dabei zu Auseinandersetzungen zwischen Tierschützern, Hundehassern, Veganern und Waffennarren. Vor lauter Krawall ging der eigentliche Zweck der Feier, die jeweils am zweiten Blusttag im Spätfrühling stattfindet, immer mehr verloren. Früher jagte man die Hunde durch die Altstadt, schoss sie zusammen und verarbeitete sie zu Pâté, der am Pfingstwochenende mit Knochenbrot verspeist wurde. Heutzutage fahren die Hunde an diesem Tag in den Schwarzwald, und es gibt vor allem Verletzte und nichts zu essen. Hoffentlich besinnt man sich in Krisenzeiten wieder auf den eigentlichen Zweck des Brauchs.

WOZ vom 28.05.2009

Das Containerschiff

Max Gross und Max Cargo lagen wie immer im Bug des Dampfers und stritten sich über das Tagesgeschehen. Weil aber den ganzen Tag nichts passierte und von der Restwelt keine Nachrichten aufs Schiff gelangten, wollte kein richtiger Disput aufkommen. Natürlich waren die beiden uneins, ob der Wind nun heftig sei oder flau, ob das Meer grün sei oder türkis. Als aber am Horizont ein oranger Küstenkutter auftauchte, dessen komplette Besatzung grüne Hosen trug, lachten Max Gross und Max Cargo über ihre kleinlichen Differenzen und trollten sich Richtung Offiziersmesse, wo ihnen aber aufgrund ihrer international anerkannten Unzulänglichkeit der Zutritt verwehrt wurde.

WOZ vom 04.06.2009

 

Plattenvertrag für Delfine?

Die Delfinkappelle Hochwasser übte jeden Mittwochabend in der Meeresenge von Gibraltar. Dabei machte sie so einen Saumais, dass die Affen von den Felsen purzelten und sich die Knie aufschürften. Auch die Wale im Ozean fühlten sich gestört und verfassten umfangreiche Protestgesänge, die dann auf dem Esoterikmarkt zu Tophits wurden, obwohl die Delfine viel die bessere Musik machten, so richtig krachend und mit Pfiff. Sie schwammen jedes Jahr zur grossen Kappellmeisterschaft im Bermudadreieck, wo sie aber mangels Punkten von Wal- und Thunfischen nur die hinteren Plätze belegten. Trotzdem studierten sie jedes Jahr einen neuen Fetzer ein und träumten vom winkenden Plattenvertrag.

WOZ vom 11.06.2009

 

Das Balkendilemma

Niedrig ist es dort, wo das Höchste unter einem Meter breit ist. Dies beschäftigte Heinrich Meier seit seiner Kindheit, denn er schlug sich auf Grund dieses physikalischen Gesetzes ständig den Schädel am Türbalken an. Obwohl der weit über einen Meter breit und alles andere als niedrig war. Trotzdem schaffte es Meier, der sonst überhaupt nichts von einem Tollpatsch und Hampelmann hatte, nur am Sonntagmorgen von der Küche in die Stube zu treten, ohne dass es kardauzte. Er ging an die Universität zu Basel, studierte Quantenphysik und wurde eine Koryphäe. Das Balkendilemma löste er Jahre später, indem er das Haus anzündete.

WOZ vom 18.06.2009

 

Obdachlose Seeleute

Kapitän Krummenacher sass auf der Kommandobrücke und schaute aufs weite Meer hinaus, das aber auch nicht mehr ganz so weit war wie früher oder zumindest kam es ihm so vor, was aber auch daran liegen konnte, dass er schlecht geschlafen hatte. Die ganze Nacht hatte man ihm unter einigem Geschepper Container aufs Schiff gestapelt. Leider nicht so viele, dass sich die Fahrt lohnte. Die Besatzung war von Arbeitslosigkeit bedroht, was bei Seeleuten meist mit Obdachlosigkeit Hand in Hand ging, und darum lagerte man den Optimismus in einem Gefahrgutcontainer. Nichtsdestotrotz spuckte der Kapitän ins Wasser und pfiff auf die globale Wirtschaftskrise.

WOZ vom 02.07.2009

 

Orientierungslose Wolken

Auf hoher See herrscht meist gutes Wetter, weil den Wolken über dem Meer die Orientierung fehlt. Sie finden auch keine Berge zum Ausregnen, höchstens ein paar Wetterschwalben, die dem Klimawandel eine lange Nase drehen. Darum fläzten die beiden Hochseepassagiere Köbi und Röbi meist in Plastikliegestühlen auf dem Hinterdeck und warteten, bis der Seegang sie in einen angenehmen Dämmerzustand schaukelte. Dann träumten sie von Meerjungfrauen und Tiefseemonstern, erlebten wilde Tauchgänge und wachten mit gestärktem Appetit auf, um alsbald die nächste der täglichen sechzehn Speisungen einzunehmen. So kam es, dass sie am Zielhafen nicht nur gut ausgeruht, sondern kugelrund von Bord purzelten.

WOZ vom 09.07.2009

 

Reporter Bohnenblusts Ruf

Um den Ruf des Steuerungsausschusses nicht weiter zu beschädigen, formulierte man die Verantwortlichkeitserklärungen dermassen um, dass kein gescheiter Mensch mehr sagen konnte, wer hier wem ein Bein gestellt hatte. Der wegen seiner Aufsässigkeit gefürchtete Reporter Bohnenblust war zwar nahe dran, eine ausgewachsene Schmutzkampagne zu starten, aber er wurde gerade noch rechtzeitig nach Rom abberufen, wo er dermassen verkam, dass er froh gewesen wäre, überhaupt noch einen Ruf zu haben. Der Steuerungsausschuss atmete auf und ging zur Tagesordnung über, was zur Folge hatte, dass die Missstände und Ungereimtheiten im Halbdunkel weiter wucherten und Jahre später das ganze Land ins Zwielicht brachten.

WOZ vom 16.07.2009

Ohren einklappen!

Der Sommer hatte wieder einmal einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Nicht nur bei den Flitschflösslern, den Halbhöslern und Terrassenechsen. Auch jene, die sonst gelassen in die Sonne blinzelten und grundsätzlich damit einverstanden waren, dass das Wetter draussen stattfand, murrten in diesem Jahr vernehmlich. Das lag nicht nur daran, dass drei Wochen zu früh Schluss war mit dem allseits beliebten Gestadenlungern, sondern weil es so abrupt und ohne Angabe von Gründen zu einem Temperatursturz kam, dass die Knochen zu knirschen begannen. Es half nur, die Ohren einzuklappen und daran zu denken, dass im kommenden Jahr alles besser würde, wenn man daran glaubte.

WOZ vom 06.08.2009

 

Lieber nass als trocken

Im Zeitalter von Hochwasser und Tiefgang bleibt einem oft nichts anderes übrig, als alles abzuspülen. Darum erfreuen sich Hinterhofduschen und Überseebäder immer grösserer Beliebtheit. Nur wer richtig nass wird, kann sicher sein, nicht vollständig abgetrocknet zu werden, in diesen Zeiten, die eigentlich viel besser sind, als man meint. Denn ehrlich gesagt, gibt es doch nicht viel Öderes als Selbstzufriedenheit, Wohlstandsennui und Wertsteigerung. Wenn alles nach Plan verläuft, bleiben vom Leben nur Ferienfotos übrig. Und wer will schon mit kurzen beigen Hosen, Sonnenbrille und unvorteilhafter Kopfbedeckung, vor einer überschätzten Sehenswürdigkeit herumtrollend, in Erinnerung behalten werden? Dann lieber nass in Vergessenheit geraten.

WOZ vom 13.08.2009

 

Fortschritt und Zuversicht

Weil niemand mehr recht an ihn glaubte, hatte es der Fortschritt auch nicht mehr eilig. Er lag den ganzen Tag mit der Zuversicht auf dem Sofa herum. Wenn er irgendwann mal aufstand, sah man ihn dumpf in den Kühlschrank starren. Der einst so dynamische und beliebte Zeitgenosse, den die höchsten Kreise hofiert hatten, war tief gefallen. Niemand rief an, niemand wollte etwas von ihm wissen. Die Schuld an allem, was schief gelaufen war, wollten sie ihm in die Schuhe schieben. Schliesslich griff er sich eine Bierdose und tröstete sich mit dem Gedanken, dass es diese ohne ihn gar nicht gäbe.

WOZ vom 20.08.2009


Alibi-Kühe

In den Ebenen von Oklahoma sassen die arbeitslosen Cowboys und rauchten die billigen Filterzigaretten, die ihnen die Bundesregierung murrend zuteilte. Die Zeiten waren schlecht, die Kühe zu mager, um noch irgendwohin getrieben zu werden. Zumal in US-Amerika das Fleisch schon lange aus Fabriken kam, von geklonten Monsterstieren, die keine Hörner, keine Hufe, keine Zähne hatten und in drei Monaten zu tausend Kilo Schlachtgewicht heranwuchsen. Nur damit die Leute keinen Verdacht schöpften, hatte man überhaupt noch Viecher auf der Weide. Doch jetzt, wo sich niemand mehr ein Steak leisten konnte, waren die Cowboys zum dritten Mal in hundert Jahren überflüssig geworden.

WOZ vom 27.08.2009

 

Frühstück, flüssig

Die Bradley Brothers verzehrten ihr drittes flüssiges Frühstück des Tages. Um sie herum zog ein weiterer, klebriger, warmer, nutzloser Tag ins Land. Sie hatten bereits mit den Nachbarn gestritten, auf herumstreunende Tiere geschossen und auf dem Weg ins Städtchen einen Briefkasten überfahren. Dem Sheriff, der auch zum Bradley-Clan gehörte, war es schon lange verleidet, sie einzubuchten, weil es danach im Gefängnis aussah und stank wie im Affenhaus des Brooklyn Zoo, den er auf einer Bildungsreise besucht hatte. So liess man diese grossen, starken und trinkfesten Brüder auf ihrer Veranda gewähren, auch wenn es die menschliche Gesellschaft alles andere als vorwärtsbrachte.

WOZ vom 03.09.2009

 

Mega-Broker, Ultra-Trader

In New York stand das Wasser bis zur Kante, weil es seit Wochen regnete. An der Wall Street war man froh um die Ablenkung, denn man war unbeliebt geworden, obwohl man noch immer blendend verdiente und nichts zum Allgemeinwohl beitrug. Die Mega-Broker und Ultra-Trader hockten darum vor ihren Bildschirmen und spielten Schiffeversenken. Natürlich mit echten Öltankern, denn ohne beträchtlichen Umweltschaden machte die Sache einfach keinen Spass. Als dabei versehentlich die goldene Yacht des Immobilienkönigs Dagobert Doppeltrumpf getroffen und havariert wurde, hatte die Gaudi ein Ende und sie wurden zurück an die Arbeit gepfiffen. Der Regen aber zog weiter nach Baltimore.

WOZ vom 10.09.2009

 

In höheren Sphären

Blobbka und Blutschka waren nicht nur die ältesten, sondern auch die dümmsten Fische im Golf von Mexiko. Seit Tagen hockten sie hinter einem grossen Stein, von dem sie überzeugt waren, dass er ihnen den Weg in eine bessere Zukunft weisen würde. Weil der Stein endlich seine Ruhe wollte und Meeresgetier sowieso keine Zukunft hatte, schickte er die beiden Richtung Texas, wo es von Hochseefischern nur so wimmelte. Weil die beiden aber selbst zum Anbeissen zu dumm waren, erreichten sie die Bucht von Corpus Christi. Dort glaubten sie tatsächlich, in höhere Sphären gelangt zu sein, und wären vor Freude fast ertrunken.

WOZ vom 17.09.2009

 

Die Verwandlung

Andernorts nahm man das Ausbleiben von Temperaturanstiegen missmutig zur Kenntnis. Insbesondere der Aushilfskellner Eddy Torino verfiel in regelrechte Raserei. In dreifache Jacken gehüllt stapfte er in seiner kargen Freizeit durch die Strassen der Stadt und legte sich mit jedem an, der nicht schnell genug die Strassenseite wechselte. So kam es in seiner Nachbarschaft täglich zu Pöbeleien, Gerempel und Radau. Bei der Arbeit düpierte er sogar die an Raubauzigkeit und Herablassung gewohnte urbane Trendkundschaft, so dass sein Chef beinahe etwas gesagt hätte. Aber als dann die ersten Sonnentage die Gemüter erhellten, verwandelte sich Eddy in eine Stockente und flog nach Island.

WOZ vom 24.09.2009

 

In der Horseshoe-Bar

Der nimmermüde Strassenräuber Bill Crackerjack hatte für Samstag einen grossen Coup geplant. Er wollte in Arkansaw nicht weniger als dreizehn Meilen erstklassige Landstrasse entwenden und an die Kolumbianer verkaufen, die zwar keine Strassen brauchten, aber nicht wussten, wohin mit dem vielen Geld. Am Freitagabend sah alles noch gut aus für Bill, er trank sich planmässig in der Horseshoe-Bar Mut an. Kurz vor der Sperrstunde betrat Maggie Mahone die Bar und schnappte sich den halbwegs ansehnlichen Strassenräuber, um ihn einer erquicklichen Tätigkeit zuzuführen. Sie tat das mit solcher Ausdauer, dass Bill, der sonst nie müde wurde, prompt seinen grossen Coup verpennte.

WOZ vom 01.10.2009

Das Leben als Wahlkampf

In seinen Bemühungen, endlich in den Senat der Kleinstadt Wilmington gewählt zu werden, scheiterte Dr. Charles Krahwinkle seit Jahrzehnten konsequent. Sein Vermögen hatte er für Wahlkämpfe durchgebracht, seine Patienten vertrieben mit seinem stetigen Fühlen am Puls des Volkes, und die Familie war ihm vor Jahren schon davongelaufen, nicht zuletzt aufgrund seiner Familienpolitik. Trotzdem stellte er auch dieses Jahr wieder ein Programm auf, das selbst den überzeugtesten Demokraten und Pazifisten zu Tode langweilen musste. Sein Gegner war ein sechzehnjähriger Bengel, der nicht nur haushoch gewann, sondern sich gleich zum Senator auf Lebzeiten ausrufen liess. Kurz darauf verschied Krahwinkle als gebrochener Mann.

WOZ vom 08.10.2009

 

Das Traktandum

Mit der angemessenen Prise Hochmut forderte der neue Kassenwart einen Aufschlag von vierzehn Prozent. Weil er wusste, dass er sich damit keine Freunde machen würde, zog er einen Helm an. Dies erwies sich als durchaus segensreiche Massnahme, denn der erste Aschenbecher flog schon vor der Eröffnung des Jahresberichts an seinen Schädel. Wer in so einem Verein bei den Leuten sein wollte, der durfte keine Schwäche zeigen. Um seinen Kritikern das Maul zu stopfen, zündete der Kassenwart vor dem Lokal drei Scooter an und verhinderte deren Löschung mit Verweis auf die Traktandenliste. Die höheren Beiträge wurden dann auch unter Protest genehmigt.

WOZ vom 15.10.2009

 

Der rettende Hinweis

In Amerika gingen die Wogen hoch, weil niemand mehr wusste, wie man den Hahnen abstellt. Trotzdem sassen immer mehr Menschen auf dem Trockenen. Joe Pasternak, der bis vor kurzem noch als König der Gebrauchtwarenhändler gegolten hatte, verkaufte nur noch Ersatzteile an Mexikaner, die damit in der Wüste verschwanden. Auf seinem Hof verrosteten die ohnehin nicht sehr wertvollen Karrossen, und am Horizont winkte der Ruin. Dann, eines Morgens im Frühherbst, stolperte Pasternak über den rettenden Hinweis, den alle übersehen hatten. Er rannte ins Dorf, um die Lösung zu präsentieren, als von links ein texanischer Pick-up angedonnert kam. Pasternak starb den Heldentod.

WOZ vom 22.10.2009

Arbeitselefanten

In Mumbai standen vier Elefanten am Strassenrand und schauten traurig drein, weil es ihnen seit drei Tagen nicht gelungen war, auf die andere Seite der Fahrbahn zu gelangen, von wo aus sie den Heimweg gekannt hätten. Sie waren unter dem Versprechen, es gebe Arbeitsplätze in der Bauindustrie, in die Stadt gelockt worden, wo man sie zu allerlei Affentheater mit Touristen in bunten Hosen missbrauchte. Erst das beherzte Eingreifen des Tierschützers Humpendink erlöste sie von ihrem Schicksal. Die lang ersehnte Freiheit erwies sich spätestens an dieser Kreuzung als Farce. Als sie es zur Strassenmitte geschafft hatten, wurden sie wegen Verkehrsbehinderung verhaftet.

WOZ vom 29.10.2009

 

Regen in St. Gallen

Der Regen liess nicht nach. Der grüne Dschungel wurde nass und erkältete sich dermassen, dass er Affen hustete. Die Tiger standen knietief im Sumpf und überlegten ernsthaft, ob Aussterben nicht die bessere Option sei. Das war kein Leben. Nach drei Wochen war es dermassen still geworden, dass man sich in der Wüste glaubte. An einem Mittwochnachmittag kam endlich Bewegung in die Wetterfront und vierundzwanzig Stunden später war die Tierwelt wieder trocken und von einem unbestimmten Optimismus beflügelt. Sogar die Affen kehrten zurück und feierten mit allem, was nicht ersoffen war, eine unerhörte Brüllorgie. Der Regen zog nach Sankt Gallen weiter.

WOZ vom 05.11.2009

 

Tapetenmuster

Karl August Breitling, einer der führenden Pessimisten Westeuropas, wachte eines Morgens auf und lachte sich einen Ast. Er wurde von einer derartigen Heiterkeit und Zuversicht geschüttelt, dass aus dem Frühstück eine Prustorgie wurde, bei der die Tapeten ein neues Muster abbekamen. Danach fuhr Breitling mit seinem Moped ins Dorf. Unterwegs pfiff er den Kühen nach. Ausgiebig mit Proviant versorgt, fuhr er mit der Eisenbahn in die Stadt, um sich einen schönen Tag zu machen. Am Bahnhof wurde er von zwei Skinheads verprügelt, auf der Polizeiwache als Bettler gebüsst und auf dem Heimweg bestohlen. Seither freut er sich nur noch daheim.

WOZ vom 12.11.2009

Der Leader

Horst Schulz sass auf der Veranda des Beach-Ressorts "Paradise" und erklärte seiner Reisegefährtin, was schieflief auf der Welt. Gerade diese Inselparadiese und Tropenländer liessen ja einiges zu wünschen übrig in Sachen Hygiene, Effizienz und Erlebnisgastronomie. Schulz löste während des Frühstücks die politischen und wirtschaftlichen Probleme zweier Länder und eines Subkontinents. Leider hörte niemand auf ihn, weil die Leute, so die felsenfeste Überzeugung des weitgereisten Schulz, ganz einfach zu dumm waren. Obwohl in der Heimat nur ein kleiner Angestellter, war er hier der geborene Leader. In dieser Überzeugung stauchte er den Kellner zusammen, weil der Kaffee nicht dem internationalen Standard entsprach.

WOZ vom 19.11.2009

 

Bierlose Melancholie

Frank McCullen sass auf der Veranda seiner mobilen Wohneinheit, die sich seit Jahren nicht mehr vom Fleck bewegt hatte. Um ihn herum lag das Gerümpel und rostete ungeniert vor sich hin. Frank spürte, dass er wahrscheinlich nie mehr von hier wegkäme, diese grünen Hügel nie mehr verlassen würde, obwohl er doch ursprünglich ganz woandershin gewollt hatte. Dies weckte in ihm diese bittersüsse Melancholie, die sich am besten mit einem Sixpack Bier wegschwemmen liess. Weil aber seine Frau vor Wochen den Truck genommen hatte und davongefahren war, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als abzuwarten, dass die Zeiten wieder besser würden.

WOZ vom 26.11.2009

 

Tantrische Staubfänger

Virapuram, der Schneider, sass in seiner düsteren Kammer und arbeitete an sechs Hemden, die ein übergewichtiger Tourist in Kürze abholen wollte. Die drei weissen Hemden waren fertig, aber für die farbigen hatte der Mann derart klein karierte, grell gestreifte oder grob getupfte Stoffe ausgesucht, dass dem Schneider die Augen zu singen begannen und er das Stoffliche nicht mehr vom Immateriellen unterscheiden konnte. So nähte er entwischte Träume, verirrte Karmas und tantrische Staubfänger in die Nähte und geheimen Innentaschen. Als der dicke Tourist in seiner Heimatstadt zum ersten Mal eines der Hemden trug, wurde ihm dermassen leicht, dass er lautlos verpuffte.

WOZ vom 03.12.2009

Nachtragend und stur

Niemand wusste mehr, wie es angefangen hatte, aber alle wussten, wie es enden würde. Am Schluss würden vierzehn Häuser in Flammen aufgehen und drei Geschäfte geplündert werden. Es würden Misstrauen und Argwohn herrschen unter der Bevölkerung, und wie immer wäre es Balthasar Hauser, der von dem ganzen Aufruhr profitieren würde. Trotzdem liess sich das Malheur nicht mehr abwenden, denn die Menschen in dieser Gegend waren nicht nur nachtragend, sondern auch stur. Die Tradition wurde respektiert, auch wenn sie seit ewiger Zeit nur Verdruss und Elend brachte. Der Zunder war gesammelt, und pünktlich um achtzehn Uhr nahm das Verderben seinen Lauf.

WOZ vom 10.12.2009

 

Angriff im Bodensee-Express

Die Nachwehen der politischen Bildungslücke wurmten Erwin Stahl dermassen, dass er eine Schlange fing. Er wollte nicht länger an der Seitenlinie stehen und beschloss deshalb, es denen heimzuzahlen, die ihn so nachhaltig verbittert hatten. Mit der Schlange im Handgepäck setzte er sich ins Erstklassabteil des Bodensee-Express und wartete, bis einer zustieg, der aussah wie einer von denen. Er liess die Schlange los, aber die schlief, weil Winter war, und dachte gar nicht daran, irgendwelchen Schaden anzurichten. Erst als ihr der unbedarfte Reisebegleiter auf den Schwanz trampte, biss sie zu, und so forderte die ganze unüberlegte Rachsüchtelei ein gänzlich unbeteiligtes Opfer.

WOZ vom 17.12.2009

 

Verrechnet

Es war wieder einmal anders gekommen als vermutet, und erst recht nicht so wie gewünscht. Die Experten hatten sich um Walfischbreiten vertan und mussten jetzt Überstunden im Nachklittern und Schönfärben einlegen. Das hatte den Vorteil, dass sie während zehn Minuten den Rand hielten und nicht zur allgemeinen Betrübung beitrugen. Diese war schon gross genug. Wer nicht ans Auswandern dachte, erwog noch viel drastischere und endgültigere Massnahmen. Es gab natürlich auch die, die sich freuten, weil ihnen das Gemeinsein näher lag als das Gemeinwohl. Zwei Wochen später ging alles wieder seinen gewohnten Gang, aber unter den Füssen knirschte ein himmelweiter Abgrund.

WOZ vom 24.12.2009

Wollishofen Endstation

Als eines Morgens alles anders war, freute sich Albert Gratwohl dermassen, dass er mit dem Morgenkaffee in der Hand die Treppe zum Vestibül hinunterpurzelte. Dabei verbrühte er sich die rechte Gesichtshälfte, so dass er aussah wie Harvey Dent im Batmanfilm. Weil er dies für ein Zeichen hielt, beschloss Gratwohl, Superschurke zu werden. Er nähte sich ein Kostüm aus blauem Brokat und zimmerte sich einen Plan zur Weltbeherrschung. Mit beidem ausgerüstet stürzte er nach draussen und überfiel als erstes den Käsehändler. Mit hundert Kilo Schafsziger beladen flüchtete er nach Wollishofen, wo man ihn auslachte und ertränkte. So verpasste er die Zeitenwende.

WOZ vom 07.01.2010

 

Pausenclown

Das neue Zeitalter war auch nicht mehr das Jüngste, und sein Ruf hatte furchtbar gelitten. Schon war es den meisten verleidet, in der Beliebtheitsskala abgerutscht und schnitt im Langzeitvergleich schlecht ab. Das lag vor allem daran, dass niemand verstanden hatte, worum es ging, und diejenigen, die so taten als ob, am allerwenigsten. Sie nutzten ihre Eigeninteressen so ungeniert, dass dabei die ganze Epoche, die so gut begonnen hatte, zu bröckeln und müffeln begann. Das wiederum half den Altbackenen, die es noch einmal vergeigen durften. Was blieb dem Zeitalter anderes übrig, als sich der Unterhaltungsindustrie als Pausenclown zur Verfügung zu stellen?

WOZ vom 14.01.2010

 

Guzmanski & Gimenez

Mit zunehmendem Alter war es Ernesto "Polka" Guzmanski nicht mehr möglich, die Wüste in drei Tagen zu durchqueren. Es kam so weit, dass er selbst mit dem handgekurbelten Sandbuggy eine Woche brauchte. Eine Woche, in der es nichts zu lachen gab, denn in der Wüste harrten nicht nur Skorpione, Schlangen und Sittenstrolche seiner, nein, auch die Bande des mit ihm verwandten, aber verfeindeten Javier "Rusterholz" Gimenez trieb dort ihr Unwesen. Sie umzingelten Guzmanski am Ende des dritten Tages und liessen ihm die Luft aus den Reifen. Das war zu viel für den alten Wüstenfuchs, der kurz darauf nach Acapulco auswanderte.

WOZ vom 21.01.2010

Der Aufstand der Berge

Das neue Jahr war nicht nur schwierig auszusprechen, sondern auch bitterkalt. Herbert Zeitlosen war in seiner Wellnesshütte eingefroren. Dabei hatte er es allen zeigen wollen. All jenen, die ihn ausgelacht hatten, als er sein Gebilde aus Petflaschen, Strohziegeln und verqueren Ansichten am Rande des internationalen Kurortes aufstellte und dieser ganzen dekadenten Champagner-, Snowboard- und Ereigniskracherei den baldigen Untergang nicht nur voraussagte, sondern regelrecht an den Hals wünschte. Die Bergwelt würde sich erheben und alles hinwegfegen, was da so unerhört herumtrollte. Aber nun war er es, der aufgrund eines winzigen Denkfehlers im Eis gefangen war und ein gar peinliches Exempel abgab.

WOZ vom 28.01.2010

 

Zukunftsmusik

Professor Zinweiss hatte sich eine verlängerte Auszeit gegönnt, in der ihm der akademische Ehrgeiz auf geradezu fatale Weise abhanden gekommen war. Zurück in seinem Institut für Zukunftsmusik baute er den Teilchenbeschleuniger zur Kegelbahn um und das Elektronenmikroskop zum Korkenzieher. Er liess seinen Assistenten freie Hand, was diese nutzten, um angehäufte Überstunden in blaue Tage zu verwandeln und Extremsportarten auszuüben, bei denen sie sich Kopfverletzungen zuzogen, die sie für die Wissenschaft untauglich machten. So verkam der einst so angesehene Forschungsstandort zu einem Tohuwabohu-Tempel, in dem der Freizeit derart intensiv gehuldigt wurde, dass sogar der strebsame Genweizen zu einer unverdaulichen Flockenmischung mutierte.

WOZ vom 04.02.2010

 

Stadtmarketing

An der blauen Küste hatte man das Tramfahren entdeckt. Um dieser Leidenschaft ungeniert frönen zu können, riss man Prachtstrassen nieder und ebnete Künstlerviertel ein. In der Schweiz bestellte man erstklassige Geleise, und weil Geduld rar war, begnügte man sich mit geraden Stücken. Als nach zwölfjähriger Bauzeit bald in der einen, bald in der anderen Stadt unter Getöse das Tramnetz in Betrieb genommen wurde, monierten Kritiker, dass es sich jeweils um eine einzige Linie handle, die dazu immer geradeaus fuhr und niemals zurückkehrte. Das gab man aber erst nach Jahren zu, als die Hälfte der Einwohner und alle Touristen verschwunden waren.

WOZ vom 11.02.2010

Gratis erfrieren

Den wissenschaftlichen Prognosen zum Trotz war der Winter alles andere als Schnee von gestern. Er feierte das Comeback, das Michael Jackson verwehrt geblieben war, weil es mit ihm, im Gegensatz zum Winter, tatsächlich aus und vorbei war. Es lässt sich noch nicht abschliessend feststellen, ob es umgekehrt besser gewesen wäre. Kalendarisch zumindest hätten Schneetreiben, Kälteeinbruch und Hochnebel für die nächsten fünfzig Jahre durch jacksonsche Konzertreisen ersetzt werden können. Vor allem im Osten wäre das gut angekommen, weil dem Erfrierungstod ein Livespektakel allemal vorzuziehen ist. Allerdings ist Letzteres im Gegensatz zu Ersterem nicht gratis, sodass doch wieder die Falschen profitiert hätten.

WOZ vom 18.02.2010

 

Der Lobbyist

Winfried Zwischenschläger kam gut an. Nicht nur im Kantonsrat oder beim anderen Geschlecht, nein, ganz allgemein und umfassend. Niemand rief die Polizei, wenn er ein Lokal betrat, und erst recht niemand die Feuerwehr, wenn er es wieder verliess. Obwohl aus seinem Gequatsche niemand schlau wurde und sechsundneunzig Prozent seiner Sätze mit "Ich" begannen, bekam er höchst selten eins aufs Maul. Zwei-, dreimal am Tag vielleicht, das wars. Das Unwiderstehliche an seiner Person war sein dicker Hals, der in den meisten Menschen, wenn nicht Heiterkeit, so doch Nachsehen auslöste. So kam Winfried zu einer gutbezahlten Lobbyistentätigkeit und einem Haus in Gossau.

WOZ vom 25.02.2010

 

Regierungswasser

Brunnenwart Kundert freute sich auf den Saisonbeginn. Endlich wurden die Rohre entrostet, die Tröge entschlammt und das Wasser wieder freigegeben. Aus allen tausend Rohren der Stadt plätscherte nun wieder frisches Quellwasser und nicht diese mit Frostschutz versehene Chemietunke aus China, die man zur Täuschung der Touristen und Anwohner durch die Rohre jagte, weil die Leute im Winter kein Wasser tranken. Sie hatten Angst, dass ihre gebleichten Zähne vom Kälteschock abbröckeln oder die aufgespritzten Lippen am Rohr festfrieren und platzen würden. Das gesparte Wasser wurde in den Whirlpool der Regierung umgeleitet, wo es Dinge erlebte, über die es lieber nicht sprach.

WOZ vom 04.03.2010


Frühlingsgedanken

Niemand wusste besser als die Niederbirrsteiner, dass der Frühling mitunter Ansichtssache war. Irgendwelche Sonnensymbole in den Kalender zeichnen, das konnte jeder, aber einmal so richtig einheizen in der Atmosphäre, auch in der emotionalen und romantischen, das brachte niemand zustande. In Niederbirrstein hatte man darum den Verein zur Förderung des Frühlingsgedankens gegründet und schon mehr als 2000 Eingaben, Leserbriefe und Motionen verfasst, bisher allerdings ohne den geringsten Erfolg. Nur mit dieser Enttäuschung über den demokratischen Weg ist es zu erklären, dass sie eines schönen Tages im März ihr gesamtes Vereinsvermögen dem russischen Wettermacher Troblovnik anvertrauten, der damit in den Süden verduftete.

WOZ vom 11.03.2010

 

Rennvelo

Mit grosser Freude nahm Giorgio Steinbichler das Rennvelo aus der Garage. Endlich war wieder Saison. Endlich gab es wieder einen Grund, in bunter, über den Winter eng gewordener und störrisch zwickender Kleidung der Arbeit davonzufahren. Nach einem energischen Antritt rollte er in angemessenem Tempo dem See entgegen, den er zu umrunden gedachte. Das Wetter war gut. Aber bereits in der ersten Seegemeinde knirschte sein Rücken und er verspürte einen heftigen Durst. So kehrte er in der Löwenpinte ein und verliess sie erst kurz vor Morgengrauen auf allen vieren. Da wundert es nicht, dass aus Steinbrüchel nie ein grosser Velofahrer wurde.

WOZ vom 18.03.2010

 

Mieterwechsel

Im dritten Stock ging es hoch zu und her. Nicht weniger als siebenundneunzig Personen hatten sich eingefunden, weil ein ebenso gelangweilter wie schalkhafter Nachbar das Gerücht gestreut hatte, die Mieter gedächten in absehbarer Zeit auszuziehen. Das bis dahin in einträchtiger Belanglosigkeit vor sich hin stubenhockende Ehepaar erlebte einen in ihrer Existenz unwiederholbaren Popularitätsaufschwung. Verloren geglaubte Verwandtschaft, weit entfernte Bekannte und aus den Augen verlorene Freunde schellten mit vorgetäuschtem menschlichem Interesse und abgebrühter Zuneigung an der Tür und traten ein, ohne lang zu fragen. Wer keinen Rotwein brachte, brachte Blumen. Das aus dieser Kombination resultierende Übergleichgewicht liess das Haus punktgenau einstürzen.

WOZ vom 25.03.2010

Niederschläge

Im Regen schwang etwas, das die Menschen wider alle Gewohnheit zuversichtlich werden liess. Statt sich über nasse Füsse, aufgeweichte Hüte und den Zwang, in unvorteilhafter, wasserdichter, aber atmungsaktiver Kleidung durchs Leben zu gehen, aufs Unergründlichste aufzuregen, sassen sie pflotschnass auf dem Trottoirrand und merkten, dass es auf der Welt doch viel besser war, als man es ihnen in den Nachrichten weismachen wollte. Nach einem Jahrhundert der unbedachten Sonnenglorifizierung, die zu einem verheerenden Stranddenken geführt hatte, sahen sie endlich ein, dass Niederschlag besser war, nicht zuletzt, weil die meisten zu Hause blieben und jene, die sich nach draussen wagten, alsbald ersoffen.

WOZ vom 01.04.2010

 

Biografie

Ausgerechnet am dreizehnten April musste Jimmie Gubser Geburtstag haben. Einen dümmeren Tag gab es nicht, um auf die Welt zu kommen, davon war Jimmie überzeugt, und so war er zeitlebens schlecht gelaunt. Natürlich war aus ihm nichts geworden, ausser ein verbitterter alter Grantler, und das schon vor seinem dreissigsten Geburtstag. Mit vierzig war er bereits derart unausstehlich und bösartig, dass man ihm eine Rente bezahlte. Kurz bevor er an einer verschleppten Winterdepression einging, erhielt er ein Schreiben von seiner Heimatgemeinde. Darin stand, dass er weder Jimmie Gubser hiess noch am dreizehnten April geboren wurde. Dafür starb er an diesem Datum.

WOZ vom 08.04.2010

 

Austauschprogramm

Die Quadratschädel aus Obertrümmelbach machten einen Ausflug ins Badische, um ein paar liebgewordene Vorurteile über die Schwaben zu zementieren. Schon im reservierten Bahnwagen tauschte man Anekdoten und Schrullen über die unzulänglichen Ausländer aus und lachte, dass sich die Geleise bogen. Am Bahnhof von Gmünd wurden die Quadratschädel von einer Delegation einheimischer Sauköpfe in Empfang genommen und nach einem kurzen Schmähgang durch die Altstadt und einem mageren Imbiss wieder über den Rhein gejagt. Im Herbst war der Gegenbesuch fällig, und alle freuten sich auf die dabei anfallenden Gemeinheiten. Welch schöner Brauch, bei dem sich die Regionen besser kennen und verachten lernten.

WOZ vom 15.04.2010

Niflisbergers Abgang

Willfried Niflisberger war vor dreissig Monaten ins Ländliche ausgewandert, in der Hoffnung auf Ruhe, Zuversicht und inneren Frieden. Stattdessen war er mit Güllepumpen, Dachlawinen und Feindseligkeit konfrontiert worden. In sein frostiges Schattenloch verirrte sich kein Sonnenstrahl und wenn er aus der elenden Hütte trat, so stand er vor bedrohlichen Wänden oder trümmligen Tobeln. Der Weg ins Dorf war schmal und stotzig. Unten angekommen begegneten ihm die Einheimischen mit kaum verhohlener Abscheu und beschissen ihn, dass es weh tat. Als an diesem Morgen das Postauto vor seiner Nase hielt, stieg er ein, sagte "läckdumir" und kehrte nie mehr zurück.

WOZ vom 22.04.2010

 

Ueli der Kämpfer

Um dem ewigen Gelari und Gefari etwas entgegenzusetzen, erklomm Ueli Kautzinger den grössten Miststock der Umgebung und hisste die Flagge des wohldosierten Widerstandes. Drei Buben kamen des Weges und spitzten die Ohren, weil sie glaubten, es gäbe etwas umsonst. Als sie ihren Irrtum bemerkten, warfen sie mit Dreck und rannten davon. Wenig später stand die Dorfschönheit vor Ueli und lächelte ihn dergestalt an, dass er beinahe die Standfestigkeit eingebüsst hätte und ins Güllenloch gerutscht wäre. Noch vor Mittag zogen dann der Pfarrer und der Lehrer gegen diesen unverfrorenen Individualprotest zu Felde, und mit dem Ueli nahm es ein böses Ende.

WOZ vom 29.04.2010

Die Pfandlawine

Im Jahresbericht der Grundpfandverwerter hatte es einen derart groben Fehler, dass niemand auf die Idee kam, zu reklamieren. Denn wenn man sich erst einmal auf Kritik einliess, brachen bald die Dämme, und das Geschäftsmodell drohte zu verrosten. Also winkte man die dubiosen Machenschaften einstimmig durch und sprach den Mandatsinhabern das uneingeschränkte Vertrauen aus. Diese dankten es, indem sie ihren Lohn verdoppelten, bis Pfingsten in die Karibik fuhren und es dort krachen liessen, dass beinahe Erdbebenalarm ausgelöst wurde. Dann kehrten sie mit besorgter Miene ins Amt zurück und löteten eine Prozesslawine zusammen, von der sie triumphal ins nächste Geschäftsjahr getragen wurden.

WOZ vom 06.05.2010

 

Rastverbot

Angesichts der drohenden Feiertags- und Freizeitsaison machte man sich auf das Schlimmste gefasst. Dass niemand verschont bleiben würde, war allen klar. Bald würde es nichts mehr helfen, dass man andere Sorgen hatte. Die Fitnessarmee, das Sportgeschwader und die Wanderkarawane würden kommen und alles mit sich reissen, was da noch am Wegrand lungerte und glaubte, es gäbe eine Recht auf Herumstehen. Das Rasten und Ruhen würde bis im Herbst nur noch auf den Verkehrsvereinsbänken und innerhalb der ausgeschilderten Erholungszonen toleriert werden. Der Naturgenuss war ein ernsthaftes und abzuverdienendes Unterfangen, bei dem kein Larifari geduldet werden konnte, nicht einmal von den Umstehenden.

WOZ vom 13.05.2010

 

Sommervögel

Die Sommervögel kamen in diesem Jahr viel zu früh nach Hause und froren sich die Farben ab. Irgendjemand hatte ihnen einen dieser falsch gedruckten Jubiläumskalender aufgeschwatzt, in denen die Monate in völlig willkürlicher Reihenfolge zusammengestellt sind, weil niemand damit rechnete, dass sie überhaupt je benutzt wurden, so geschmacklos waren die Sujets. Der Präsident der Sommervögel war weder für seinen Kunstsinn noch sein Verhandlungsgeschick bekannt, und so nahm das Unheil seinen Lauf. Erst Ende Mai konnte ein unterbeschäftigter Avantgardemaler engagiert werden, der mit seinem Farbkasten die Saison rettete, was dann bei Schmetterlingsforschern und Weltuntergangspropheten zu Einsichten führte, die jeder Grundlage entbehrten.

WOZ vom 20.05.2010

 

Stehlen und singen

Der Vater von Gabathuler hat die Italiener nie besonders gemocht. Ganz besonders hasste er das Lied "Volare, Cantare", denn er war überzeugt, dass "volare" stehlen hiess, analog dem Französischen "voler", und Französisch hatte er gelernt, der alte Gabathuler, in der Sekundarschule und nicht ohne Widerwillen. Er hielt das Lied für eine Verhöhnung des arbeitenden Menschen. "Stehlen und singen", pflegte er zu brummen: "So sind sie!" Als ihm dann jemand mithilfe eines offiziellen Wörterbuches nachwies, dass "volare" Fliegen heisst, liess er sich nicht beeindrucken. "Seit wann können denn die Italiener fliegen?", schimpfte er. "Das ist doch erst recht ein fertiger Chabis!"

WOZ vom 27.05.2010

 

Ade, Camping

Beim Versuch, es endlich richtig zu machen, scheiterte Balthasar "Bernie" Kolber wiederum mit Bravour. Nichts, aber auch gar nichts gelang diesem bedauernswerten Vertreter eines falsch verstandenen Unternehmergeists. Weil er nicht einmal den minimalsten Anforderungen an einen Zeltplatzvermesser entsprach, war es natürlich vollkommen abwegig gewesen, sich als Erneuerer des Campingwesens auszugeben und mit zusammengekratztem Geld einen Messeauftritt zu organisieren, der ganz allgemein als obszön, ja sittenwidrig, angesehen wurde und Bernie ein lebenslanges Outdoor- und Caravaning-Verbot einbrachte. Zum Glück hatte er zu diesem Zeitpunkt seine Bewerbung als Innenraumverschwender bereits abgeschickt und wurde so doch noch zu einem knapp tolerierten Mitglied der Gesellschaft.

WOZ vom 03.06.2010

 

Hauen und Stechen

Das letzte Drittel der Zukurzgekommenen stand unschlüssig auf dem Perron. Ein Zug fuhr hier nicht, zumindest nicht in ihre Richtung, denn die lag vollkommen quer zu den Geleisen. Niemand hatte damit gerechnet, dass der Ausflug ein Erfolg werden würde, aber dass man dermassen dezimiert würde und dann ausgerechnet im Oberengadin, das führte zu Frustrationen, die sich alsbald in einer äusserst gewalttätigen Auseinandersetzung entluden. So etwas hatte selbst die Landjugend noch nicht gesehen, obwohl dem Hauen und Stechen alles andere als abgeneigt. Spontan schlossen sie sich den so vorbildlich Abgestumpften an, die damit wieder vollzählig und zu neuen Querelen bereit waren.

WOZ vom 10.06.2010

 

Blitz und Donner

Die Gewitterneigung war zwar äusserst erfolgreich, aber unbeliebt. Darum stellte sie das PR-Büro Hallowach ein, um mit einer Imagekampagne zum Sommerrenner zu werden, noch vor Fussball und Freibad. Bald wurden schmissige Slogans geschmiedet und eine Bannerwerbung geschaltet, die zwar Preise und Lob einheimste, aber einen feuchten Dreck nützte. Niemand wollte einsehen, dass Blitz und Donner in Sachen Schall und Rauch fast jedem Headliner des Festivalsommers weit überlegen waren und dass heftiger Regen viel mehr zum Seelenfrieden beitrug als Sonnenschein. So wurde diese Kampagne zu einem gigantischen Flop, und nur der Auftrag einer Grossbank rettete das blamierte PR-Büro vor dem Konkurs.

WOZ vom 17.06.2010

 

Grillsaison

Unwiderstehlich rauschte der Frühlingsfrost durch das Unterland. Jimmi Grobschmid stand auf dem Balkon und bot dem Wetter die Stirn. Im fünften Stock oben zog es wie die Sau, und der Regen klatschte auf Jimmis zunehmend kahlen Schädel, denn über ihm war nichts als der bewölkte Himmel. Alle Bewohner des Blocks sassen in ihren warmen Stuben und schauten sich irgendeinen Scheissdreck im Fernsehen an, gaben sich aufs Maul oder rotteten sonstwie vor sich hin. Jimmi aber eröffnete die Grillsaison. Ganz alleine. Er feuerte mit Holzkohle, Zipwürfeln und Raketentreibstoff an, und schon schoss der Weber-Grill knapp am Mond vorbei ins Weltall.

WOZ vom 24.06.2010

 

Alles nach Plan

Im Bereich Gartenausstattung konnte Wilma Breitschmid in diesem Jahr keine grossen Sprünge machen, was ihr aber nur mässigen Kummer bereitete, weil ihr städtischer Kleingarten schon derart mit Gerümpel vollgestellt war, dass er sich kaum noch von einer beliebigen Fussgängerzone unterschied. Ausser, dass niemand auf dem Betonbänkli Handorgel spielte. Dafür quakten nachts die Frösche, die sich vor drei Generationen in einem als Zierbrunnen angepriesenen, jedoch unbrauchbaren Plastikungeheuer niedergelassen hatten. Wilma entschied sich schliesslich im Gartencenter Torfmehl für einen handlichen Sprengsatz, der das Budget schonte, aber mit allem anderen kurzen Prozess machen würde. Am ersten August flog dann alles plangemäss in Stücke.

WOZ vom 01.07.2010

 

Mehr Bodenhaftung

Nebenan war es still geworden, wie Pfamatter erleichtert feststellte. Den ganzen Tag hatten seine Nachbarn mit ihrer aufdringlichen, aber nicht ansteckenden Zuversicht die Freizeit vertrieben. Vom Klappern des Frühstücksgeschirrs über das Brummen des Rasenmähers zum Aufheulen der Schlagbohrmaschine klang jedes Geräusch und jeder Lärm so beunruhigend fröhlich, dass Pfamatter sich immer einsamer und verlorener vorkam bei seinem stillen, aber zuweilen durchaus fruchtbaren Nachdenken und Grübeln. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre in den Garten gegangen und hätte sich bis zu den Waden eingegraben, um ein bisschen Bodenhaftung zu spüren, als nach einem letzten, allumfassenden Glücksseufzer endlich Ruhe war.

WOZ vom 08.07.2010

Zwetschgenluz

Auf dem Kongress der Sommermüden in Wädenswil herrschte Hochstimmung. Nicht, weil der Sommer Anstalten machte, sich aus dem Kalender zu verabschieden, sondern weil der Präsident eine Runde spendiert hatte. Kosakenkaffee, Jägertee und Zwetschgenluz wurden den gefühlten fünfunddreissig Grad, die im Konferenzsaal herrschten, zum Trotz und mit dreifachem Hurra gekippt. Der Vize und der Kassier liessen sich auch nicht lumpen, und da diese drei schon die Gesamtheit der Kongressteilnehmer darstellten, artete die Geschichte rasch aus, und der Wirt, der so etwas geahnt hatte, liess die ganze Bande in den See werfen, was diese ausnahmsweise lustig fand, auch wenn sie dabei ertrank.

WOZ vom 15.07.2010

 

Gleichnis über die Welt

Das Vogelgezwitscher erreichte schon in den frühen Morgenstunden jene Dezibelgrenze, die Zwickelgruber aus dem Bett scheuchte. Weil es ihm aber seine neu gefundene Gelassenheit verbot, sich darüber aufzuregen, setzte er sich in seinem Bett auf und versuchte angestrengt herauszufinden, was diese ornithologische Kommunikation zu bedeuten haben könnte, denn irgendwie hing ja alles zusammen, Natur, der Mensch und das ganze Zeug. Er kam aber nicht über die Erkenntnis hinaus, dass die einen eher sangen und die anderen eher schimpften und daraus zimmerte er sich ein Gleichnis über die Welt, das schon wenige Stunden später in der Mittagshitze schmolz und hinfällig wurde.

WOZ vom 05.08.2010

 

Alles in Ordnung

Diese Saison blieb niemand allein, dank Public Viewing und Festwirtschaft. Weil das Leben nichts wert ist, wenn einem keiner dabei zuschaut, wurde dafür gesorgt, dass das Emotionale in geordnete Bahnen gelenkt und gemeinsam begangen wurde, nicht, dass es am Schluss wieder hiess, wir lebten in einer kalten Welt. Was ohnehin nicht stimmen konnte, weil es heiss war. Aber das interessierte die, die sowieso immer dagegen waren, bekanntlich wenig. Beim ersten Gewitter sahen sie sich bestätigt, obwohl die Masse innig verschmolz und ein Wir-Gefühl erzeugte, das noch bis an den Skilift halten würde, wenn man sich bloss ein wenig Mühe gab.

WOZ vom 12.08.2010

Die Verklärung

Familie Klobenstein war auf der Heimreise aus den Ferien. Wie jedes Jahr war es ein Desaster gewesen. Das Wetter, das Essen, die Unterkunft, der Vater, die Mutter, die Tochter, der Sohn, nichts hatte die Erwartungen, so bescheiden sie auch waren, erfüllt. Nicht nur hatte man innerfamiliär völlig divergierende Interessen feststellen müssen, sondern war sich auch einer teilweise tiefen Antipathie bewusst geworden, die im Alltag glücklich von Pflichten und Sorgen verschüttet geblieben war. Aber schon im ersten Tunnelstau begann die gemeinsame Verklärung der schönen Ferienzeit, und es war noch nicht Winter, da plante man bereits erwartungsfroh und harmonisch die nächste Katastrophe.

WOZ vom 19.08.2010

 

Ist baden gesund?

Im Strandbad standen nur wenige Leute herum, weil es zum Herumstehen zu kühl war, vom Sonnenbaden und Herumliegen ganz zu schweigen. Aufgrund eines internen Fehlers hatte die Badi aber trotzdem geöffnet, was die Stammgäste verwirrte, die glaubten, jeden Tag, an dem geöffnet war, antraben zu müssen, um dann im Winter erzählen zu können, man sei jeden Tag am See gewesen und das nicht zu knapp. Wegen ein paar abgefrorener Zehen klagten sie nicht, sondern erinnerten sich an jenen Sommer, der so kalt war, dass der See gefror. Das stimmte natürlich nicht und bewies höchstens, dass Sonnenbaden nicht wirklich gesund ist.

WOZ vom 26.08.2010

 

Golzen in Effretikon

Kurt Golzen fuhr nach Österreich, machte einen Umweg über Effretikon und kam sich dort derart fremd vor, dass er einen zweiwöchigen Assimilierungsaufenthalt einschaltete. Dabei verlor er unverhofft ein Gutteil seiner Abenteuerlust und Weltoffenheit, weil er sich derart heimisch fühlte, dass er nichts anderes kennenlernen wollte. Er bewarb sich um eine einfache Zweizimmerwohnung und eine Stelle als Gassenarbeiter, bekam keins von beidem und blieb lange Zeit etwas ratlos. Schliesslich fiel ihm ein, was er in Österreich gewollt hatte und dass es dafür zu spät war. So kehrte er gerade noch rechtzeitig an seinen Arbeitsplatz zurück und tat, als sei nichts gewesen.

WOZ vom 02.09.2010

Bürogummis

Die Zukunft der Büroarbeit war schwer angeschlagen und drohte gänzlich zu verrohen. Um etwas für das gebeutelte Image dieser einstmaligen Verheissung zu tun, beschloss das Arbeitsministerium eine Kampagne, bei der allen wieder ins Bewusstsein gerückt werden sollte, wie erbärmlich es auf der Welt um den Broterwerb gestanden hatte, bevor die bequeme und wetterunabhängige Büroarbeit grossflächig eingeführt worden war. "Aufs Büro" zu kommen, war einst hehres Ziel für Generationen von Eisenbucklern und Schlammschauflern, aber der modernen arbeitsfähigen Bevölkerung stand der Sinn mehr nach Tauchlehrer- oder Moderatorinnenstellen. Die verödeten Bürogebäude krachten deshalb in sich zusammen und rissen das ganze Land ins Elend.

WOZ vom 09.09.2010

 

Die Wörterdeponie

Das Konzept der Mülltrennung war in die südlichen Alpenausläufer vorgedrungen, wo man es argwöhnisch in Empfang nahm und ihm einen Platz im Wald zuwies. Es lagerte dort inmitten eines Haufen Unrats, was seiner zweckmässigen Entfaltung diametral entgegenwirkte. Nachdem ein hoch aufgeschossener Bürgermeister ein paar warme Worte deponiert hatte, wurde es vergessen und verdrängt. So kam es, dass nicht nur der Wald, sondern die ganze Landschaft im Laufe der Jahre verödete und bald einem Vorort von Ulm glich. Da erinnerte man sich endlich des gelungenen Konzepts, aber das hatte sich schon lange der Dichtkunst zugewandt und war dadurch vollkommen nutzlos geworden.

WOZ vom 16.09.2010

 

Frohe Aussicht

Der Stamm der Huni-Indianer hatte sich in die Berge zurückgezogen, um abzuwarten, bis die hereinflutenden Eroberer und Nachzügler irgendwann wieder abdampfen würden. Diese zeigten sich jedoch ungebrochen umtriebig, nicht mal zur Ferienzeit gaben sie Ruhe, sondern knatterten mit allerlei Räderwerk durch die Landschaft. Eines Tages war plötzlich alles still, und als es während einer Woche ruhig blieb, kamen die Indianer aus ihrem Versteck und stellten fest, dass den Fremden der Most ausgegangen war. Sie lagen wie Käfer auf dem Rücken und jammerten erbärmlich. Kurz darauf verschwanden sie oder gingen elendiglich ein. Die Huni aber feierten drei Tage lang frohe Aussicht.

WOZ vom 23.09.2010

Blindpassagiere

Im Zug von Frühtau nach Abendrot stiess man sich die Zwischenverpflegung in die fliegenden Rippen, weil die Ausflugszeit an diesem Montag offiziell eingeschossen worden war. Da wollte niemand zu Hause bleiben, und viele, die es vielleicht gewollt hätten, waren von entschlosseneren Bezugspersonen mitgezerrt worden. Überzählige Blindpassagiere wie Eisenbahnschaffner und Billettkontrolleure warf man schon vor dem ersten Etappenziel aus dem Fenster, denn heute wollte man unter sich bleiben. Es würde für viele der schönste Tag des Jahres werden, weil sich kurz darauf beim Herumgondeln schon wieder die Routine breitmachen würde. Heute aber gereichte schon der lindeste Vorhügel zum Highlight der Saison.

WOZ vom 30.09.2010

 

Hinterm Konfiglas

Wirgel sass vor seiner Hütte am Schattenhang. Unter ihm lag das Tal, das vor Hitze flimmerte. Die Autobahn summte wie ein dicker Käfer, der in einem Konfiglas eingesperrt ist. Am Gegenhang stiegen bunt bekleidete Gestalten zielstrebig auf, denn heute war wieder etwas los. Wirgel wusste nicht genau was, denn er ging nie hinüber, er hielt es mit den Fröschen: Die Autobahn war die unüberwindbare Grenze. Manchmal blickte er aber mit dem Feldstecher in die Ferne. Was er dabei sah, hatte ihm schon ein paarmal den Hut gelupft. Doch sein Bruder Wurgel, der herumgekommen war, versicherte, dass alles seine Richtigkeit hatte.

WOZ vom 07.10.2010

 

Der Klimawandel

Der Frühherbst schlug den Spätsommer um Längen, was zu ernsthaften Kalenderkapriolen führte. Es wurde sogar über dessen Auflösung und vollkommene Neugestaltung diskutiert, was schliesslich einzig an der Stimme des Präsidenten scheiterte. Die breite Masse, die darüber wie gewohnt nicht informiert wurde, genoss ahnungslos die warmen, aber schon ziemlich kurzen Tage. Sogar das Pedalofahren erlebte eine unerhoffte Renaissance, und ganz Unverzagte packten die Badehose aus. Dann aber verwandelten sich die vermeintlich goldenen Tage in bestenfalls blecherne und waren denkbar ungeeignet, die Menschen auf den Winter einzustimmen, der heuer mehr Überraschungen auf Lager haben sollte, als der frischen Morgenluft lieb sein konnte.

WOZ vom 14.10.2010

 

Der abgemurgelte Hüftsprengler

Die stärksten Schwinger der Tal- und Tobelliga versammelten sich zum Saisonschluss noch einmal auf der Hungerbühler Allmend, um den Winterkönig auszumachen. Um diesen inoffiziellen Titel der verschworenen Geheimsportart bewarben sich vor allem der Riese Baumgartner und der mächtige Zgraggen-Sepp, die prompt auch in den Schlussgang kamen, nachdem sie so gäche Gegner wie den Doppelzentner-Toni und den Speckstein-Gusti gebodigt hatten. Weil gekämpft wurde, bis einer auf dem Rücken lag, war es schon längst dunkel, als man endlich in die Hosen stieg. Beim Fackelschein wogte der Kampf hin und her, bis schliesslich der mächtige Sepp mit einem abgemurgelten Hüftsprengler die Sache klarmachte.

WOZ vom 21.10.2010

 

Die Molekularstruktur der Erde

Am ersten Herbsttag fand auf einer Waldlichtung im Voralpenraum das lauteste Konzert aller Zeiten statt. Nicht weniger als zwölf der härtesten Lärmcombos waren angetreten, um den zu Tausenden angereisten Headbangern gehörig einzuheizen. Schon bei der Vorgruppe aus dem idyllischen Muotatal zogen die Hasen und Füchse aus dem umliegenden Wald. Zur Halbzeit hatten die Tannen die Nadeln verloren, und als die Finnen mit ihren Gitarren langsam dem ersten Höhepunkt entgegensägten, stürzten die ersten Berge ein. Der Hauptact aus Übersee spielte dann in einer dermassen karambolisierenden Lautstärke auf, dass es zu Störungen der Molekularstruktur der Erde kam und diese mit Getöse auseinanderbrach.

WOZ vom 28.10.2010

 

Avantgarde

Die Wildbacher Brüder reisten zur Messe in die Stadt, weil es dringend Zeit war, sich neue Pfannen, Finken und Unterhemden zuzulegen. Ausserdem wollten sie wissen, was im vergangenen Jahr Neues erfunden worden war, weil sie seit letztem Herbst nie aus der Werkstatt gekommen waren. Dort hatte das Brüderpaar eine Reihe raffinierter Apparaturen und komplizierter Vorrichtungen zusammengeklüttert. Doch die bescheidenen Wildbacher wollten warten, bis sie Ähnliches auf der Grossstadtmesse sehen würden, ehe sie ihre Erfindungen publik machten. Dort aber gab es wie jedes Jahr nur Gerümpel, und so entging dem Land eine Chance, die erst 312 Jahre später wieder kommen würde.

WOZ vom 04.11.2010

 

Doch keine Erleuchtung

Hannibal Grottenschlacht stand vor seinem Haus und schaute geradeaus. Nicht, weil die Aussicht besonders erbaulich gewesen wäre, sondern weil ihm die Pantoffeln und das Halstuch eingefroren waren, als er auf dem Weg zum Briefkasten kurz innegehalten hatte. Er war stehen geblieben, weil es ihm auf einmal vorgekommen war, als sei ein leises Summen durch die Welt gegangen, dem zu lauschen eine umfassende Glückseligkeit verhiess. Zu Beginn meinte er tatsächlich, mit dem Kosmos eins zu werden, aber dann merkte er, dass es sich bei dem Geräusch um den brummenden Heutrockner des Zwickelbauern handelte, und das hatte bekanntlich noch niemanden glücklich gemacht.

WOZ vom 11.11.2010

 

Der Body-Mass-Index

Weil er beim Rennen durch das an und für sich gerade im Herbst äusserst lauschige Wimmerbachtobel immer langsamer wurde, überlegte Eidenbenz, ob das nun an seinem neuen Trainingscomputer lag, der ihn via Satellit anheizte und aufmunterte, jedoch gegenüber der guten alten Landeskarte die Lieblingsstrecke um mehrere Kilometer verkürzte, was zu einem von Lance Armstrong errechneten körperlichen Body-Mass-Alter von über sechzig Jahren führte, mit dem sich nur schwerlich auf Internetforen prahlen liess, oder ob der unter dem Buckingham Palast in London gelagerte Originalkilometer von düsteren Mächten angeknabbert wurde, um die europäische Mittelklasse in ihrem Streben nach Ausdauer und Gesundheit zu demotivieren.

WOZ vom 18.11.2010

 

Der verhinderte Querulant

Im Wissen, dass es nicht besser kommen würde, aber darauf spekulierend, dass Veränderung etwas Positives sei, fuhr Anton Zwänger mit dem Velo gen Bern, wo er auf dem renovierten Bundesplatz einen Handstand aufzuführen gedachte. Mit dieser Aktion hoffte er, den offiziellen Querulantenstatus zu erlangen und deshalb nicht mehr über jeden Blödsinn Bescheid wissen zu müssen. Aber schon auf dem Bözberg begann es zu regnen, und in Frick hatte er einen Platten. Trotzdem fuhr er tapfer weiter und kam nach sechs Stunden in Basel an, was ihn endgültig aus dem Konzept brachte. So fuhr er wieder heim, und alles blieb gleich.

WOZ vom 25.11.2010

 

Zwölf Tonnen Kerosin in vier Minuten

Der Versuch, in einem grösseren, aber an Attraktionen eher armen Ort im Kanton Zürich mit dem grössten Laubbläser der Welt ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen, wurde zwar mit grossem Wohlwollen aufgenommen und von der lokalen Bankfiliale gesponsert, scheiterte aber schlussendlich an den überflüssigen Umweltgesetzen, die jeglichen Unternehmergeist behindern und es nicht erlauben, in vier Minuten zwölf Tonnen Kerosin abzufackeln, um zwei mittlere Hügelzüge zu entlauben. Wen wundert es also, dass auch dieser Sieg kampflos den Chinesen überlassen wurde, die mit einem verdächtig ähnlich aussehenden Apparat wenige Wochen später hundert Quadratkilometer Mangrovenwald mit Stumpf und Stiel in den Ozean hinauspusteten?

WOZ vom 02.12.2010

 

Schwerer Stand

Aus Verbitterung über den Erfolg seines Nachbarn, der es mit einem ganz miesen Trick in die obersten Gefilde der mittleren Gesellschaft geschafft hatte, ging Grossenbacher dieser konsequent aus dem Weg. Dies erwies sich allerdings als äusserst umständlich, da diese Schicht breiter ist, als sie scheint, und so ein Ausweichen unweigerlich in die Randständigkeit führt. Das hätte Grossenbacher jedoch gern in Kauf genommen, wenn er nur seinen Nachbarn nicht mehr hätte sehen müssen. Doch der markierte natürlich in der Freizeit den Wohltäter und drang bis in die düstersten Winkel der Gesellschaft vor, woselbst ihm Grossenbacher bei Gelegenheit eins aufs Maul gab.

WOZ vom 09.12.2010

 

Brüllbiker

Im Wald war es still. Man hörte lediglich das Singen der Nachtigall und das Kreischen der Motorsäge. Aber für heutige Verhältnisse ist das immer noch still, denn normalerweise herrscht hier ein Grundlärmpegel von 98 Dezibel. Am lautesten ist das Geschnatter der Fitnessfraktion, die ausserdem hochtöniges Alustockgeklapper beisteuert. Die Hundsrufer und Beschwerdeführer, die Radaurentner und Brüllbiker sind auch nie um ein Geräusch verlegen. Für Waldverhältnisse war es an diesem Mittwoch also geradezu paradiesisch ruhig, und als den Christbaumholzern das Benzin ausging, war es für einen Moment so, wie es eigentlich sein müsste, wenn die Welt nicht so wäre, wie sie ist.

WOZ vom 16.12.2010

 

Gute Miene zum Fest

Im Weihnachtszirkus Holdrio war man auch dieses Jahr weniger darum bestrebt, die Leute zu unterhalten, als sie auszusacken, dass es staubte. Mit dem ewiggleichen, völlig unberechtigterweise als Poesie angepriesenen Glitzerkram lockte man Zehntausende ins schlecht geheizte Zelt, wo man ihnen einige Artisten vorführte, die sich gegen Kost und Logis verrenken mussten, dass es einem vom Zuschauen eigentlich schlecht geworden wäre, hätte man nicht soviel für die unbequemen Plätze ausgegeben und darum gezwungen war, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, weil sonst die ganze Weihnachtsstimmung in Scherben gegangen wäre, wie die Teller der ausgemergelten Chinesen, die von den Bambusrohren krachten.

WOZ vom 23.12.2010


Existenzialismus

Weil er in seinem Lieblingspub als "Hobbyrocker" betitelt wurde, regte sich der überzeugte, aber hierfür Jahrzehnte zu alte Mofalenker Jimmy Holzer fürchterlich auf. Nicht, weil man ihn einen Rocker nannte, obwohl es falsch war. Trotz seiner ausgefransten Jeansweste gehörte er keinerlei Rockerbande an. Was ihn wirklich wild machte, war der Umstand, dass ein Teil seiner Existenz als Hobby bezeichnet wurde, denn er widmete sich allem mit professionellem Eifer, auch wenn er schon lange keinen Beruf mehr ausübte. Um seine Ehre zu retten, fräste er mit dem Mofa in die Wirtschaft und hinterliess eine Spur von Gummi und Zerstörung in derselben.

WOZ vom 06.01.2011

 

Nebulöses aus der Forschung

Beim Versuch, eine linksdrehende Partikelschraube zu konstruieren, entwich aus Dr. Zinkweiss' Labor ein Gas, das harmlos war, aber aussah wie Nebel. Weite Teile der Universitätsstadt, in der er seine Forschungen betrieb, waren für zwei Wochen derart eingesuppt, dass ein Teil der Bürger vom rechten Weg abkam und sich Szenen ereigneten, die bisher kaum für möglich gehalten wurden. Als Zinkweiss den letzten Forschungsbatzen verputzt hatte und sein Experiment abbrechen musste, lichtete sich der Nebel jäh, und es kamen Dinge ans Licht, über die man noch Jahre später lieber nicht sprach. Glück für Zinkweiss, er wurde nie erwischt und bekam neue Gelder.

WOZ vom 13.01.2011

 

Klima und andere Katastrophen

Am dritten Tag des Frühfrostes verloren die meisten die Geduld oder das Gleichgewicht. Das führte zu tragischen Szenen in den Strassen und auf den vereisten Plätzen. Niemand kam rechtzeitig an und die wenigen, die es schafften, waren so stark beschädigt, dass eine weitere Existenz sich kaum lohnte. Inmitten all dieser Verzweiflung schlief der gute Eidenbenz so lange, dass das Tauwetter schon aus den Schlagzeilen verschwunden war, als er endlich aufwachte. Darum nahm er die allgemeine Verwüstung erstaunt zur Kenntnis und versuchte sofort, sich nützlich zu machen. Weil aber allzu bekannt war, was dabei herauskam, jagte man ihn zurück ins Bett.

WOZ vom 20.01.2011

 

Vergreist, verlumpt, entfremdet

In der Welt der Unterhaltung hatte sich ein weiteres Jahr nichts, aber auch gar nichts getan, was aber kaum bemerkt wurde, weil sich die Speicher auf wundersame Weise mit längst verschollen geglaubten, nie begehrten und doch auf einmal anziehend wirkenden Tönen und Bildern gefüllt hatten, die zu sichten und zu hören dermassen viel Zeit in Anspruch nahm, dass eine ganze Fan-Generation dabei vergreiste. Das wiederum hatte zur Folge, dass eine ganze Unterhaltergeneration verlumpte und einen anständigen Beruf lernen musste. In den Büros und Werkhallen standen sich dann diese einst verbundenen Wesen in unausgesprochener Entfremdung gegenüber und wussten nichts miteinander anzufangen.

WOZ vom 27.01.2011

 

Im Aktionsrausch

Wer sich, von Aktionen geblendet, mit nicht benötigten, aber preisgünstigen Behältern voller ökologisch abbaubarem Glasreiniger eindeckt, erlebt eine Ausschüttung von Glückshormonen, die knapp zwölf Nanosekunden dauert. Demgegenüber stehen Stunden sinnlosen Suchens nach einzusprühenden und mit Unmengen teuren Haushaltspapiers zu reinigenden Flächen, bei denen die Glückseligkeit tief im Keller verharrt. Ist dann endlich alles oberflächengereinigt, muss man feststellen, dass weder die Sprühflasche sichtlich leerer, noch die Umgebung spürbar sauberer geworden ist und eine Menge aufgestauten Zorns bahnt sich den Weg nach draussen. Es kann zu Wutausbrüchen kommen. Somit ist die emotionale Bilanz solcher Spontankäufe verheerend, und man sollte dringend davon absehen.

WOZ vom 03.02.2011

Schweine auf drei Beinen

Tückischen Viruserkrankungen durch vermehrte Körperertüchtigung und übermässigen Karottenkonsum vorzubeugen, erweist sich oft als ebenso trickreich wie zwecklos, da niemand bisher nachweisen konnte, dass das eine oder das andere irgendwelche antiviralen Abwehrkräfte zu aktivieren vermag. Besonders umstritten ist das Rennen zu abseits gelegenen Denkmälern, das oft zu erschöpfungsähnlichen Zuständen führt, die dann weit unangenehmere Gesundheitsschäden nach sich ziehen als die zu vermeiden gesuchten. Auch langes Stehen auf einem Bein hilft nur bei Husten, nicht aber bei der Schweinegrippe, weil Schweine bekanntlich auf mindestens drei Beinen stehen. Das mit den Karotten hingegen ist ein altbekannter Schwindel, den sich die Bauern ausgedacht haben.

WOZ vom 10.02.2011

 

Dipl. Pistenrowdy

Kirnbauer beschloss, Skifahren zu gehen. Unter Nichtigerklärung eines vor Jahrzehnten geleisteten Schwurs brach er durch die Hochnebeldecke und liess sich in einem mit vielen Abziehbildern gekennzeichneten Fachgeschäft eine zeitgemässe Montur leihweise zur Verfügung stellen. Darauf quetschte er sich in die Gondel, wo noch genau gleich begeistert dahergeschwafelt wurde wie seinerzeit. Auf der Piste ging anfangs alles gut, aber bald merkte er, dass seine antiquierte Kurven- und Bremstechnik nicht mehr verfing. So schoss er mit Karacho den Steilhang hinunter und krachte in die von der Skischule aufgestellten Comicfiguren aus Sperrholz, was ihm eine Auszeichnung als Pistenrowdy und ein lebenslanges Hangverbot bescherte.

WOZ vom 17.02.2011

http://www.woz.ch/dossier/hundert/20382.html#top_ref

Präsidentenwahl

In der zweiten Liga der Minimalanspruchslosen wartete man seit Wochen gespannt auf die Wahl des neuen Präsidenten. Bisher waren vier Kandidaten im Gespräch gewesen, von denen sich jedoch bisher kein einziger zu einer offiziellen Erklärung hatte durchringen können. Jetzt aber, da der unabhängige Sprengkandidat Horn sich mit einer spektakulären Kampagne ins Gerede gebracht hatte, brach plötzlich eine mittlere Panik aus. Die Delegierten wurden unsanft einberufen und von Freunden und Lobbyisten derart hartnäckig bearbeitet, dass nicht wenige den Geist aufgaben. Dann aber wurde in einer zweifelhaften Wahl der Schützling des alten Präsidenten durchgeboxt, und die wenigen verbliebenen Mitglieder lösten sich auf.

WOZ vom 24.02.2011

 

Die Bestätigung

Der berühmte Bahnhofsskeptiker Brenzlau war wieder einmal inkognito unterwegs, um sich davon zu überzeugen, dass dort, wo sich Züge aufhielten, nichts Gutes gedeihen konnte. Er nahm den Bummler in eine postkartenschöne Kreismetropole und sah sich schon beim Aussteigen bestätigt, als man ihm einen Gepäckwagen ins Fersenbein stiess. Von Schmerz geplagt, begab er sich zur bahnhofseigenen Arztpraxis, wo man ihn nach langem Warten aufforderte, nicht so wehleidig zu tun. Empört versuchte er sich bei einem Getränk zu stärken, aber die unverschämten Preise liessen das Bier in seinem Magen schäumen. Unverzüglich und hasserfüllt bestieg er den erstbesten Schnellzug nach Halt auf Verlangen.

WOZ vom 03.03.2011

 

Selbstfindungsversuch

Im verwilderten Nordwesten lebte seit ungezählten Jahren Hank Ballschuh in einer heruntergekommenen Hütte und versuchte sich selber zu finden, was auf den ersten Blick gar nicht so schwer zu sein schien, weil es rundherum nichts, aber auch gar nichts gab. Trotzdem entfernte er sich immer weiter von seinem Wesenskern, was jedoch kein Unglück war, da dieser schon lange vor sich hin rottete. Als sich dann zwei Extremwanderer zu ihm verirrten und ihn mit ihrer Fussgängerspiritualität eindeckten, riss der Faden. Ballschuh rannte davon und hielt erst in Las Vegas inne. Dort hatte er Glück im Spiel und fand sich wirklich gut.

WOZ vom 10.03.2011

 

Im "Karma-Koma"

Auf dem beliebtesten der dreihundertzwölf Sender lief seit drei Tagen ununterbrochen die Realityshow "Karma-Koma", bei der die elf KandidatInnen versuchen mussten, unter haarsträubenden Umständen einen Rest von Würde zu bewahren. Sie wurden gezwungen, mit ihren Nachbarn zu Mittag zu essen und zu tun, als sei das normal. Man liess sie Tramfahren und dreimal umsteigen oder eine Szenebar betreten, ohne dabei auszusehen wie jemand, der furchtbar beschissen wurde. Natürlich verloren die meisten KandidatInnen schon nach wenigen Folgen den Verstand, und am Schluss gewann Grossenbacher den in Aussicht gestellten Hauptpreis: einen Kühlschrank der miesesten Energieklasse, der nach zwei Tagen den Geist aufgab.

WOZ vom 17.03.2011


Spiel die Geheimorgel

Im Geheimlabor des Dr. Zinkweiss roch es stark nach Äther. Weil Betriebsferien waren, schöpften die Nachbarn Verdacht. Das Labor war zwar geheim, aber nicht so geheim, dass die Leute Adresse und Öffnungszeiten nicht gekannt hätten. Undurchschaubar waren vor allem die Experimente, die dort durchgeführt wurden, und darum sah es von aussen meist so aus, als sitze bloss ein älterer Herr in einem weissen Kittel auf einem Stuhl und hirne Löcher in die Luft. Die alarmierte Spezialeinheit Stechmücke sprengte ein Loch in die Wand und fand den Assistenten des Doktors, der auf der Geheimorgel geübt und dadurch den Missgeruch verursacht hatte.

WOZ vom 24.03.2011

 

Das para-postmodern-dekonstruktivistische Phänomen

Im Institut für freigeistigen Überbau und angewandte Aggro-Physik herrschte grosser Andrang. Die sonst nur sporadisch eintrudelnde Studentenschaft war vollzählig erschienen, um dem Vortrag des berüchtigten Gastredners Professor Zinkweiss zu lauschen. Dieser hatte vor sehr langer Zeit etwas Spektakuläres entdeckt und versuchte seither, jemanden zu finden, der verstand, von was er redete. Bisher erfolglos. Doch war es gerade diese unbegreifliche Verquertheit seines Gedankenkonstrukts, die ihm bei den Studenten das eingebracht hatte, was man in des Professors Jugend einen Kultstatus genannt hatte. Keiner der Studenten plante, einen nützlichen Beitrag zu leisten, aber alle wollten dabei so berühmt und verkannt werden wie Zinkweiss.

WOZ vom 31.03.2011

 

Glaubwürdigkeitsprobleme

Der Überfluss, seit längerem als Problem erkannt, erfreute sich nichtsdestotrotz robuster Sympathiewerte. Es war einfach schwierig, sich seinem Charme zu entziehen. Das lag einerseits an seiner ebenso unaufdringlichen wie überzeugenden Art, einem weiszumachen, man hätte aufgrund unteschwelliger, aber permanenter Geringschätzung durch das Umfeld eine Belohnung verdient. Andererseits steckte ein Grossauftrag an das PR-Büro Strahlemann dahinter, der nicht publik werden durfte, denn diese ausgekochten Propagandalümmel hatten auch für eine Reihe bedenklicher Personen und Organisationen in Funk und Fernsehen gut Wetter gemacht. Wäre herausgekommen, dass der Überfluss sich ihrer bediente, hätte er ein Glaubwürdigkeitsproblem am Hals gehabt, das ihm denselben gebrochen hätte.

WOZ vom 07.04.2011

 

Glückliche Städter im Park

Am Sonntag gehen die Städter in den Park. Dieser ist dem Naherholungsgebiet vorzuziehen, da er zwar Platz, aber keine Überraschungen bietet. Keine überfüllten Ausflugslokale lauern darauf, die Erholungsbedürftigen urbanen Trolle auszusacken, die Verpflegung wird selbst angeschleppt und genüsslich verzehrt. In Städten mit Parks ist sonntags immer schönes Wetter, auch wenn die ganze Woche über Kälte und Regen geherrscht haben. Das muss so sein, denn die Städter sind bekanntlich geschäftig, lassen die Wirtschaft knattern, von der die Umländer profitieren und die die Städter dafür allerlei Sitten- und Ruchlosigkeit bezichtigen. Das lässt sich nur ertragen, weil der Sonntag im Park glücklich macht.

WOZ vom 14.04.2011

 

Pflotschklausel

Die Schneeschmelze war in diesem Jahr, angestachelt von talseitig hochsommerlichen Temperaturen zur Unzeit, derart übermotiviert, dass sich die weisse Pracht innert weniger Tage in eine unansehnliche Pflotschflut verwandelte. Diese schlitterte bergab und schwappte den letzten Gästen, die von den niedrigen Preisen Ende Saison profitieren wollten, vor die Füsse. Diese wie immer missgelaunte Klientel beschwerte sich bei der Kurdirektion und versuchte, weitere Rabatte herauszufeilschen, allerdings ohne Erfolg, da sich die alteingesessenen Tourismusbarone, abgehärtet im Jahrhunderte dauernden Kampf gegen die aufsässigen Fremden, mit Pflotschklauseln bis unters Dach gewappnet hatten. Die Geizgäste gifteten bitter und drohten, nächstes Jahr wieder dem Strandnepp zu frönen.

WOZ vom 21.04.2011

 

Prinzip Freizeit

Die Langläufer, die während der ganzen Saison über die Skifahrer gelacht und gehöhnt hatten, die auf ihren künstlichen Schneestreifen zu tun versucht hatten, als sei so etwas wie Winter, sahen jetzt auch nicht besser aus, während sie auf ihren dorfbachähnlichen Nassschneeloipen durch die Ebenen spritzten. Aber ans Aufgeben war nicht zu denken, auch als die Temperaturen längst das frühsommerliche Mittel erreicht hatten, denn hier ging es ums Prinzip, wie bei jeder Freizeitbeschäftigung, die, wenn mit Hingabe betrieben, keinerlei Platz lässt für Wankelmütigkeit. Aber insgeheim hofften sie doch, ein Föhnsturm möge die Saison beenden und ihrer Sturheit ein würdiges Ende bereiten.

WOZ vom 28.04.2011

 

Auf schiefem Gleis

Die Zugfahrt auf der durch internationale Organisationen geschützten Linie war ein Vergnügen, in das Karl Sutter ohne Absicht gekommen war, denn er hatte nur in Chur umsteigen wollen. Dabei musste irgendetwas schief gegangen sein, wahrscheinlich war es der Barwagen, der einladend vor ihm stand, sodass er gar nicht anders konnte, als einzusteigen und loszutrinken. Die charmante Bedienung, die froh war um etwas Kurzweil während der ansonsten ereignisarmen und beim vierzigsten Mal nicht mehr ganz so spektakulären Fahrt, gaukelte ihm auch derart gekonnt Sympathie vor, dass Sutter erst beim Zahlen des erklecklichen Zuschlags merkte, dass er aufs schiefe Gleis geraten war.

WOZ vom 05.05.2011

 

Wohl bekomms!

Gustav Altenhofer, inoffizieller Held der absteigenden Mittelklassegastronomie, hatte wie zu erwarten eine Saison hinter sich, die, trotz drastischer Lohnkürzungen beim Personal und beinah komplettem Verzicht auf Investition in Qualität beim Einkauf von Speisen und Getränken, als himmeltraurig bezeichnet werden musste. Wenn er nicht nebenher mit Gammelfleisch gehandelt hätte, wäre der Konkurs unausweichlich gewesen. Die Gäste hatten immer mehr das Gefühl, sie könnten Ansprüche stellen und Sonderwünsche anmelden. Wenn nicht bald eine breit angelegte Umerziehung durchgeführt würde, sah Altenhofer schwarz für seine drei strategisch gut gelegenen Touristenfallen und wäre am Ende gezwungen, in den Wellnessbereich einzusteigen, wo noch alles möglich war.

WOZ vom 12.05.2011

 

Endlich Regen

In einer für ihr kühles, aber trockenes Wetter bekannten Weltstadt regnet es seit Tagen aus Kübeln. Man erinnert sich an Sommerferien Mitte der achtziger Jahre, als der ganze Campingplatz an der Adria unter Wasser stand. Damals wie heute schwemmt der Regen, kaum dass er einmal heftig und untypisch für die Jahreszeit ausfällt, Untergangspropheten und Moralapostel an die Oberfläche, die von der trüben Aussicht profitieren wollen. Zum Glück sind die Leute diesmal nicht in den Sommerferien und daher beschäftigt, sodass die Unkenrufe ungehört verhallen. Schliesslich mag man eine Stadt nur dann wirklich, wenn sie einem in Regengüsse getunkt zu betören weiss.

WOZ vom 19.05.2011

 

Türkisgelbe Melancholie

Die letzten Tage eines im Voraus definierten Zeitabschnitts, wie zum Beispiel eines Aufenthalts in fernen Ländern, bergen immer eine ganz besondere, oft ins türkisgelb neigende, Melancholie. Was vor kurzem noch belebend neue Erfahrungen waren, verwandelt sich jetzt schon in zum letzten Mal gelebte, lieb gewonnene Traditionen. Soll man sich bereits dem Abschiedsschmerz oder doch noch der Daseinsfreude ergeben? Dort locken und schrecken das Wohlbekannte, das Kaum-Überraschende und auch das angenehm Vertraute. Hier sehnt man sich zurück nach Orten, die man noch gar nicht verlassen hat und schwebt darum im Weder-Hier-noch-Jetzt, was kein dauernder, aber ein sehr befruchtender Zustand sein kann.

WOZ vom 26.05.2011

 

Plädoyer für Treibhäuser

Die Gartensaison hatte vielverheissend begonnen. Die Gartencenter wurden regelrecht geplündert, und wer etwas auf sich hielt, pflanzte dieses Jahr mehr denn je zuvor, schöner als der Nachbar und exotischer als Hugo Trümmelbach. Dann aber blieb der Niederschlag so lange aus, dass selbst die Regenfässer verdorrten und die Güllenlöcher eintrockneten. Statt üppiger Blütenpracht wucherte die schiere Verzweiflung. Einzig die Sukkulentensammler freuten sich an der anhaltenden Dürre, aber was das für ein Menschenschlag war, das brauchte wirklich niemandem erklärt zu werden. Doch dann kam die Rettung in Form eines dreiwöchigen Landregens mit dazugehörigem Temperatursturz, bei dem erfror, was nicht bereits ersoffen war.

WOZ vom 02.06.2011

 

Organisiertes Verbrechen

Der Dübendorfer Mafia-Mob lebte zurückgezogen und bescheiden in einem umgebauten Bauernhaus und war in der Nachbarschaft wohlgelitten. Von ein paar entführten Kötern und aufgebrochenen Gartenhäusern abgesehen, stellte die kriminielle Energie dieses stark überalterten Zweigs des organisierten Verbrechens keine Bedrohung für das Gemeinwesen dar. Erst als aus Volketswil eine Delegation der Einkausparadies-Crew ins Dübendorfer Territorium eindrang, kam es zu heftigen Wortgefechten, bei denen Dinge gesagt wurden, die von der Mehrheit der Nachbarn nicht verstanden und noch viel weniger gutgeheissen wurden. Doch der siegreiche Mob verhinderte einen scharfen Verweis an der Gemeindeversammlung durch Spenden einer neuen Kläranlage, die allerdings nie gebaut wurde.

WOZ vom 09.06.2011

 

Der euphorische Hasenstrick

Johnny Hasenstrick konnte die Eröffnung der Badesaison nur mit Mühe abwarten. Als überzeugter Freund des freien Oberkörpers hatte er seinen ganzen Vorrat an Fotos ohne Hemd (dafür mit Sonnenbrille, Kurzhosen und Sandalen) seinen Bekannten und der Restwelt zu jeder erdenklichen vorgeschobenen Gelegenheit zugesandt, wobei ihn der Mangel an Reaktionen und Begeisterung nicht im Geringsten anfocht. In drei Tagen wäre es endlich wieder soweit: Geländer, an die er sich lehnen, Gewässer, in die er springen, Wiesen, auf die er sich lächelnd legen könnte, während der Selbstauslöser unermüdlich summte. Leider würde alles ganz anders kommen, aber das ahnte Hasenstrick zum Glück nicht.

WOZ vom 16.06.2011

 

Die verhinderten Hammerwerfer

In der Hoffnung, eines Tages etwas halbwegs Weltbewegendes auf die Reihe zu kriegen, schrieben die Gebrüder Kohler seit zwölf Jahren an einem Drehbuch, dessen Handlung umso undurchsichtiger wurde, je mehr sie sich hineinknieten. Angetrieben vom windigen Produzenten Edelweiss und einem ungesunden Ehrgeiz verkanteten sie sich dermassen in ihrem Gedankengerüst, dass man sie nicht einmal mehr mit dem Schweissbrenner hätte befreien können. Metaphorisch gesprochen. Konkret ausgedrückt hatten sie einfach ihre Bestimmung verfehlt und hätten zwar die Anlagen zu Weltklasseruderern oder Hammer-Hammerwerfern gehabt, doch da sie sich weder im einen noch im anderen je versuchten, blieb ihnen nichts übrig, als zu scheitern.

WOZ vom 23.06.2011

 

Tour der Pein

Beim schwersten Velorennen aller Zeiten ging von Anfang an alles schief. Zwar hatte man die Athleten so gut wie möglich mit modernster Arznei aufgepeppt und genetisch soweit verändert, dass sie selbst bei diesen Bedingungen nicht allzu stark beschädigt werden sollten. Trotzdem gab es von Beginn weg Ausfälle der gröberen Art. Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit und Sinnentleerung griffen im Feld um sich, wie einst die Pest im Rheinland. Sogar die unzerstörbaren Ukrainer warfen ihre Hightechmaschinen über die erstbeste Böschung und bewarben sich als Bäckergesellen unten im Städtchen. Nur der verschlagene Hugo Ruiz schien von all der Unbill verschont zu werden und gewann glanzlos.

WOZ vom 30.06.2011

 

So wendet man Risiken ab

Keine der grossen Rundumkassen hatte genug Reserven, um die drohende Refinanzierung der vorraussichtlichen Zerstörung durch Kugelblitze, Kreuznattern und Eckpfeiler zu stemmen. Deshalb trafen sich drei gut bezahlte Vorstandsvorsitzende an einem geheimen Ort in der Nähe des Walensees und heckten einen Plan aus, wie man die sich anbahnenden Katastrophen, die abzuwenden niemand recht Lust hatte, zu zwar nicht unbedingt willkommenen, aber doch unabwendbaren Naturereignissen umdeklarieren könnte, für die keine Haftpflicht bestehen würde. Aufgrund der veränderten Stimmung im Volke erwies sich dies jedoch als unrealistisch, und so plünderten die Vorstände die Pensionskassen und dampften in Gefilde ab, wo sich Leistung noch lohnte.

WOZ vom 07.07.2011

Exklusiv - der Feriengeheimtipp

Die schöne Stadt Portland ist nicht berühmt und auch keine anerkannte Touristenhochburg. Trotzdem empfiehlt ein wenig bekanntes, aber gar nicht übles Reisehandbuch die Destination, allein schon wegen der unglaublich grossen Entfernung von zu Hause. Wer also möglichst weit weg will, ohne Gefahr zu laufen, allzu viel erleben zu müssen, dem legt die Redaktion einen mindestens vierwöchigen Aufenthalt in Portland nahe. Ökologisch gesehen natürlich ein kompletter Unfug, doch für jene Snobs, denen urbaner Ennui das Must-Gefühl der Saison ist, ein Geheimtipp, der die beschwerliche Reise mehr als rechtfertigt. Zudem ist die Chance, Bekannte zu treffen, kleiner als die, überfahren zu werden.

WOZ vom 14.07.2011


Himmelschreiend teure Gummiboote

Waldemar Kauer sass seit drei Tagen am Strand und regte sich auf. Nicht weil es zu viele Menschen um ihn herum hatte, nicht weil der Sand verdreckt war, nicht weil das Meer eine unappetitliche Tunke war. All das war sich der sommerferiengestählte Pauschaltourist gewohnt. Was ihm dieses Jahr die Laune verdarb, war der Umstand, dass auf die Benutzung von Gummibooten eine Gebühr von dreizehn Euro erhoben wurde. Obwohl Kauer kein Gummiboot dabeihatte, schien ihm dies eine derart himmelschreiende Ungerechtigkeit und Abzockerei, dass er sein lange gehegtes Mitgefühl für die arg gebeutelten Volkswirtschaften rund ums Mittelmeer im nahe gelegenen Hotelpool ertränkte.

WOZ vom 04.08.2011

 

Eisenring in guter Laune

Das Velofahren über hohe Berge wurde auch für Karl Eisenring aufs Alter nicht leichter. Trotzdem liess er es sich nicht nehmen, auch heuer zwei Wochen in den Sattel zu steigen und die Passstrassen zu erklimmen. Jedes Jahr ächzten die Knochen ein wenig mehr, knirschten die Gelenke und zwickten die Muskeln etwas heftiger. Aber oben angekommen fühlte er sich bei allen Strapazen immer noch dermassen andersartig, dass er mindestens zwei Stunden verharrte und sich weder von Töfffahrern noch Wohnwagenpiloten die Laune beeinträchtigen liess. Dann raste er vergnügt zu Tale, und wenn er es wirklich wissen wollte, direkt in den nächsten Dorfbrunnen.

WOZ vom 11.08.2011

 

Ohne Hoffnung

Die Anlagewerte rasselten diesen Sommer tiefer in den Keller als die Temperaturen, was zu einer allgemeinen Verschnupftheit in den Badehäusern und auf den Segeljachten des lokalen Binnengewässers führte. Hatte man sich doch eben erst aus der letzten Finanz- und Schlechtwetterkrise gerettet, indem man die gemeinen Leute tief in die Tasche greifen liess, was diese nur zu gern taten, denn was wäre das Leben ohne die Reichen und Schönen und die vage Hoffnung, eines Tages zu ihnen zu gehören? Diesmal aber war zu befürchten, dass die Habenichtse, Arbeitnehmer und staatlichen Kassen derart ausgeplündert waren, dass sie die Zeche nicht übernehmen konnten.

WOZ vom 18.08.2011

 

Laue Sommerabende

Im Sommercamp der wanderunwilligen Wurstverachter war die Stimmung besser, als allgemein vermutet wurde. Das lag nicht zuletzt daran, dass man die gleichen Desinteressen pflegte und jede auch noch so weit hergeholte Gemeinsamkeit Harmonie und Eintracht provozierte. Sogar die lauen Sommerabende, an denen die Leute gerne draussen sitzen, Unfug reden und Streit anfangen, verliefen hier stillvergnügt und ganz rabatzfrei. Die Gruppenaktivitäten waren ebenso überschaubar wie fakultativ, wer wollte bekam ein Einzelzimmer und geschnarcht wurde aus Prinzip nicht. Leider drohte nun Ungemach vonseiten eines pfiffigen Reiseveranstalters, der das so schöne und unauffällige Konzept kommerziell ausschlachten und so seinem sicheren Ruin entgegentreiben wollte.

WOZ vom 25.08.2011

 

Das falsche Ufer

Vor Jahren hatte sich Ferdinand Holzer vorgenommen, den Zürichsee schwimmend zu überqueren. Weil ihm offizielle Massenveranstaltungen ein Gräuel waren, versuchte er es auf eigene Faust. Den ersten Versuch musste er wegen schlechten Wetters abbrechen, ebenso den zweiten und dritten, aber beim vierten waren Wasser und Luft erträglich temperiert, und so schwamm er von einem kleinen Schiffssteg los. Das eine Ufer entfernte sich zügig, während das andere nicht näher zu kommen schien. Unterwegs wurde er von Dampfschiffen angehupt, von Wirtschaftsgewinnlern in Motorbooten zurechtgewiesen und von Schwänen beschnattert. Nichtsdestotrotz erreichte er sicher das andere Ufer und merkte, dass es das falsche war.

WOZ vom 01.09.2011

 

Gefahr der Gartenarbeit

Wer zu lange im Garten sitzt, läuft Gefahr, sich in einen Klumpen zu verwandeln, aus dem bei Gelegenheit schwer einzuordnende Geräusche dringen. Selbst wer sich der allgemein überschätzten Gartenarbeit nur mit äusserster Zurückhaltung widmet, rutscht leicht ins Trollige und Krauterhafte ab. Einzig das Ziehen von Gräben, quer durch gepflegte Rasenpartien oder Gemüserabatten, kann verhindern, dass der Mensch sich schon auf dem Trottoir nicht mehr zurechtfindet und zwischen Beleidigung und Überempfindsamkeit schwankend, sich nach seiner Parzelle sehnt, die bei näherem Hinschauen und objektiver Beurteilung den ganzen Aufwand nicht wert ist. Darum sollte man bei schönem Wetter gelegentlich drin bleiben und fernsehen.

WOZ vom 08.09.201

Den Finnen
machen

John Danuser war wie jedes Jahr zum Zelten an den Waldrand gezogen. Weil der Wald einem befreundeten Bauern gehörte, konnte ihm gar niemand gar nichts. Mindestens zehn Mal täglich blieben Spaziergänger stehen, um einen Regelverstoss oder eine Naturverschandelung zur Anklage zu bringen. Danuser aber sass dann vergügt auf dem Stein an der improvisierten Feuerstelle und machte den Finnen. Als solcher wollte und konnte er nichts wissen und trieb die Störenfriede somit in die Flucht. Doch in diesem verpfuschten Sommer kam fast nie jemand, und reklamiert wurde schon gar nicht, so dass John beschloss, nächstes Jahr an die Adria zu fahren.

WOZ vom 15.09.2011

 

Prospektblaue Strände

Der professionelle Nachsaisonnier Winkelhuber war fristgerecht und in Gegenrichtung zur grossen Masse an die Gestade des Mittelmeers gefahren, wo sich noch die Verwüstungen erahnen liessen, die alljährlich von den Sonnenhungrigen hinterlassen wurden. Noch war der Strand alles andere als ausgestorben, im Sand und im wie immer prospektblauen, aber für einmal nicht quallenverseuchten Meer tummelten sich die jungen Altersruheständler und Kleinkindbeurlaubten, die Langzeitstudierenden und Kurzzeitbeschäftigten. Winkelhuber, der den Sommer traditionell statt mit Ferien mit Existenzkrisen zubrachte, atmete tief durch, bevor er zur Boje hinausschwamm. Im Wasser treibend erkannte er, dass kein Grund zur Sorge bestand, da sich niemals etwas ändern würde.

WOZ vom 22.09.2011

 

Hubers Grosstat

In einem düsteren Dorf weit draussen auf dem Land herrschte grosser Hunger, weil niemand sich entschliessen konnte, endlich posten zu gehen. Wie eine blaue Wolke hatte sich die Trägheit und Antriebslosigkeit über die Menschen dieses eigentlich hübschen Weilers gelegt, sodass nicht einmal mehr die Hunde das Haus verliessen. Schliesslich war es der dicke Huber, der den Lethargiefaden zerriss und Bier holen ging. Was der kann, können wir schon lange, sagten sich die Nachbarn, stürmten die neu eröffnete Filiale eines Hard-Discounters, deckten sich dermassen mit Sonderangeboten und Ramschwaren ein, dass sie auch die nächsten drei Jahreszeiten nicht mehr nach draussen mussten.

WOZ vom 29.09.2011

Die Zeitmaschine im Hühnerstall

Niemand erinnerte sich mehr genau daran, wie es früher gewesen war, aber die meisten waren sich einig, dass es besser gewesen sein musste. Um diesem Ärgernis ein für alle Mal ein Ende zu setzen, erfand Jim Grosshuber eine Zeitmaschine. Zumindest behauptete er das. Bei näherem Hinschauen handelte es sich um einen alten, finsteren, vollgeschissenen Hühnerstall, in den er die interessierten Nostalgiker, je nach gewünschtem Zeitalter, zwischen zwei Stunden und drei Tagen einsperrte. Wenn die von Hitze, Kälte, Hunger und Durst Geplagten dann endlich wieder herauskriechen durften, hatten sie ein realistischeres Bild von früher und freuten sich am Hier und Jetzt.

WOZ vom 06.10.2011

 

Buckeln und dienern

Nationalratskandidat Schlumberger fieberte den Wahlen einmal mehr mit ungebrochenem Optimismus entgegen, obwohl ausser ihm niemand damit rechnete, dass aus dem Kandidaten ein Nationalrat würde. Dabei hatte es Schlumberger gar nicht schlecht eingefädelt; nach wilden Kandidaturen in der Jugend schrieb er sich vor zwanzig Jahren in eine damals staatstragende Partei ein, buckelte und dienerte sich durch Gemeinde- und Vorortsparlamente, bis er zuunterst auf der Nationalratsliste landete und sich heuer auf einen einst aussichtsreichen Platz im oberen Drittel vorgekämpft hatte. Weil aber unterdessen seine Partei zur Randgruppe verkommen war, würde es wohl nie einen Nationalrat Schlumberger geben, ausser es wäre ein anderer.

WOZ vom 13.10.2011